Sie haben den Großen Deutsch-Französischen Medienpreis erhalten. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Journalisten aus Deutschland und Frankreich waren immer unsere Verbündeten, insofern unsere Aktionen von Bedeutung und öffentlichkeitswirksam waren. Dann waren sie sozusagen dazu verpflichtet, darüber zu berichten. Drei französische Journalisten der Zeitungen Le Monde, Aurore und France-Soir haben sich unserer Sache angeschlossen. In Deutschland war es nicht der Fall, aber grundsätzlich war die deutsche Presse ehrlich in ihren Kommentaren, was dazu führte, dass die öffentliche Meinung in Deutschland nicht von Politikern, die sich für die Begnadigung von Nazi-Verbrechen einsetzten, manipuliert wurde. Wir nehmen diesen Preis also gern entgehen. Unsere Dankbarkeit gegenüber all diesen Medien soll nicht über die Anerkennung hinwegtäuschen, die die Medien für uns haben sollten.

Sie haben Ihr Leben dem Kampf gegen Antisemitismus und gegen das Vergessen gewidmet. Wie können junge Menschen, die Krieg nie erlebt haben, für diese Themen sensibilisiert werden?

Zunächst sollten junge Menschen mehr über diese tragischen Zeiten, die Europa durchgemacht hat und die es so seit mehr als 75 Jahren nicht mehr gibt, wissen. Aber das reicht nicht: Lehrkräfte müssen auch für das Thema sensibilisiert werden. Sie müssen mit allen Altersgruppen darüber sprechen - und zwar mit Empathie und Mitgefühl für die Opfer und in klarer Ablehnung der Henker (Diktatoren, Demagogen der extremistischen Kräfte, die ausführenden Organe, Mittäter, gleichgültige Teile der Gesellschaft...). Das würde junge Menschen beeindrucken, sie zögen Konsequenzen und würden sich gesellschaftlich gegen die Kräfte des Bösen engagieren. Selbstverständlich sollte man sich auf Vorbilder wie Anne Frank, Sophie und Hans Scholl usw. beziehen. Das sind schlagkräftige Argumente, um Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an die aktuellen Entwicklungen in Europa denken?

Vor 85 Jahren war Europa in demokratische und faschistische Staaten geteilt. Es folgte ein Krieg in Europa und dann auf der ganzen Welt. Heute ist es die Angst vor der Einwanderung von Muslimen, die angeblich die nationale Identität der einzelnen Länder, in denen sie sich niederlassen, verändert. Hinzu kommt, dass das starke Wirtschaftswachstum, das die Kaufkraft, den Wohlstand und den sozialen Fortschritt vorangetrieben hat, langsam aber sicher zum Erliegen kommt. All diese Entwicklungen lösen Skepsis in Teilen der Bevölkerung gegenüber der Demokratie aus. Manche glauben, dass man die Bevölkerung verraten hätte. Alle europäischen Staaten werden auf diese Probe gestellt. Die Demokratie und die Europäische Union müssen verteidigt werden. Sie haben uns so viel gebracht - vor allem den Frieden.

Gegen wen muss man heute aufbegehren?

Frankreich muss sich gegen Demagogen wie Le Pen und Mélenchon zur Wehr setzen. Mit ihrer Redegewandtheit ziehen sie die Wähler in ihren Bann, hin zu extremistischen Parteien, die ihr Land isolieren und an die Schalthebel der Macht wollen. Die Menschen müssen ihren kritischen Geist und ihre freie Urteilskraft einsetzen. Sie müssen auch ihre Ablehnung gegen diese führenden Politiker ausdrücken, deren Argumente häufig auf Lügen beruhen. Man muss gegen diejenigen angehen, die den Planeten zerstören, die sexuelle Gewalt gegen Kindern ausüben oder sie zur Kinderarbeit zwingen, die für das Aussterben der Wale verantwortlich sind und die Hunde und Katzen aussetzen.  Ich habe Vertrauen in junge Menschen: Sie wissen allzu gut, gegen wen man sich auflehnen muss, um die Welt zu verändern und sie zu einem besseren Ort zu machen.