- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Frau Vorsitzenden,

liebe Frau Dr. Mehdorn, chère Mme Martin-Kubis,

sehr geehrte Damen und Herren,

chers amis de l’amitié franco-allemande,                              

„Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“

Der Komödiant Karl Valentin wird seinen Spaß daran gehabt haben, sich diese Worte in den Mund zu legen. Man möge mir nachsehen, dass ich seine humoristische Weisheit versachliche: Heute schreiben wir die Geschichte, an die wir uns morgen erinnern werden. Heute treffen wir die Entscheidungen, die zukünftig den Rahmen unseres Handels prägen.

Obgleich es zu unserem Alltag gehört, täglich die Geschichte von morgen zu schreiben, wird das Wort „historisch“ in unserer dynamischen Epoche allzu gern gebraucht. Globalisierung und Migration, so heißt es, seien historische Phänomene. Ja, auf der gestrigen Eröffnungsveranstaltung dieses so beeindruckenden Kongresses fiel sogar das Wort „Probleme“. Es gibt einen Trend, solcherlei Phänomene der Welterfahrung, Weltoffenheit und der Mobilität problembehaftet und kritisch zu betrachten.

Doch der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel hat uns beispielsweise in seiner wegweisenden Studie von der „Verwandlung der Welt“ daran erinnert, dass Globalisierung ein jahrhundertealtes Phänomen ist. Ebenso weist die in Paris und Rom lehrende französische Migrationswissenschaftlerin Catherine de Wenden, wie viele ihrer Zunft, darauf hin, dass Migration seit jeher zur Menschheitsgeschichte dazugehört; dass sie in die Biografien unserer Gesellschaften und Familien, auch und gerade in Deutschland und Frankreich, eingeschrieben ist; dass Migration Teil unserer Religions- und Kulturgeschichte ist, was wir beispielsweise in den heiligen Schriften der Weltreligionen sehen können.

Solche selbstverständlichen Tatsachen werden jedoch allzu gern im schnellen Zeitalter von Facebook, Twitter und Instagram übersehen und vergessen. Ja, um den Satz von Karl Valentin noch weiter zu wenden: Mit Vorliebe neigen wir dazu, die Geschichte, die wir gerade schreiben, zu übersehen oder gar zu vergessen.

Ein gutes Beispiel ist hierfür, und damit bin ich beim Franco-Allemand, der Vertrag von Aachen. Inflation des Begriffs „historisch“ hin oder her: Es ist ein historischer Vertrag. Dieser Text wird gleich dem Élysée-Vertrag in den kommenden Monaten, Jahren und Jahrzehnten seine Wirkung entfalten. Ich bin ein Fan des Aachener Vertrags. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich zwei Staaten einander versprechen, einen dritten politischen Akteur, die Europäische Union, zu stärken. Es ist eine Seltenheit, dass sich zwei Regierungen dazu verpflichten, einen Bürgerfonds für zivilgesellschaftliches Engagement einzurichten oder grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern, um eine deutsch-französische Bürgergesellschaft zu stärken. Es ist außergewöhnlich, wenn sich zwei Regierungen gemeinsam dafür einsetzen wollen, dass junge Menschen beider Gesellschaften einander noch mehr begegnen.

Die „neue Stufe“ der deutsch-französischen Zusammenarbeit haben ihre Gegner sogleich erkannt und sie griffen zu bürgerfeindlichen Methoden. In den antidemokratischen und antieuropäischen Milieus und Internet-Blasen der machten Falschnachrichten und Lügen die Runde. Doch wir sollten uns nicht in die Irre führen lassen und übersehen, welches Geschenk die Parlamente und Regierungen uns, den Bürgerinnen und Bürgern, ja den zukünftigen Generationen übereignen. Mit dem Vertrag von Aachen, zwischen Deutschland und Frankreich, „wächst zusammen, was zusammengehört.“ Dieser Satz von Willy Brandt aus dem Herbst 1989 hat im Jahr 2019 nichts an Aktualität verloren, wenn wir ihn auf den deutsch-französischen Kontext übertragen. Auch bei Ihnen, bei der VDFG und der FAFA wächst zusammen, was zusammengehört.

Wohin sollte der Weg des Franco-Allemand – in Zeiten von Globalisierung und Migration, vor allem aber von Populismus und einer Rückkehr des Nationalismus – in den kommenden Jahren führen? Drei Thesen auf der Schwelle in die 2020er Jahre möchte ich mit Ihnen teilen:  

1. „Ensemble pour l’Europe“

Sie hätten Ihr Leitmotiv „Ensemble pour l’Europe“ nicht besser wählen können. Doch wie können wir das Franco-Allemand, das in eine bilaterale Logik eingebettet ist, europäisch denken? 

„Aller guten Dinge sind drei.“ Der besondere kulturelle Bezug zur Zahl drei, der kleinesten ungeraden Primzahl, der sich in dieser und anderen Redewendungen spiegelt, mag uns inspirieren. Es ist Zeit, dass wir das Franco-Allemand öffnen. Wir brauchen nicht nur mehr Jugend und intergenerationellen Austausch, sondern auch mehr Begegnungen mit Europa und europäischer Nachbarschaft im Franco-Allemand. Im Netzwerk des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) laden unsere Partnerinnen und Partner deshalb in hunderten Projekten pro Jahr ein drittes Partnerland in unsere Jugendbegegnungen ein. 

Zudem ist das politische Wunder, das die französische und die bundesdeutsche Gesellschaft nach 1949 vollbrachten, Inspirationsquelle und Hoffnungsanker weit über das Franco-Allemand hinaus. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist in Europa wie in der internationalen Politik einzigartig und weltweit ein Vorbild für bilaterale oder regionale Verständigungsprozesse.

Damit wächst eine Verantwortung, ja nennen wir es ein „Politikfeld“, welches wir als bürgerschaftliche Außenpolitik oder im Feld der Städtepartnerschaften als kommunale Außenpolitik beschreiben können. Wir sollten nicht immer, aber immer öfter bei deutsch-französischen Begegnungen eine Öffnung mitdenken, insbesondere in Richtung des Weimarer Dreiecks, nach Polen, aber auch in Richtung Italien, Ungarn, Spanien, Großbritannien, doch auch jenseits der Europäischen Union, einschließlich nach Südosteuropa oder in den südlichen Mittelmeerraum.

Im DFJW feiern wir im kommenden Jahr das 20. Jubiläum unserer „Südosteuropa-Initiative“. Doch wir werden auch dem 25. Jahrestag von Srebrenica gedenken, ein europäischer Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Auf dem Westlichen Balkan kam die europäische Außenpolitik, kam eine wirkungsvolle deutsch-französische Außenpolitik, zu spät. Nach dem Ende der Gewalt wurden Jugendliche aus dem Westlichen Balkan mit deutschen und französischen Jugendlichen zusammengebracht. Heute ist das Westbalkan-Jugendwerk (RYCO) ein enger Partner des DFJW und eine der erfolgreichsten Jugendorganisationen Europas: Es stärkt die regionale Zusammenarbeit und schreibt eine neue Geschichte von Frieden und Verständigung.

In trilateralen Begegnungsprojekten, beispielsweise mit dem Maghreb, kann das Franco-Allemand Brücken bauen, die über das geografisch kleine Mittelmeer reichen. Im mediterranen Kontext sollten wir keine Zeit verlieren. Das „mare nostrum“ ist an manchen Orten von einem Sehnsuchtsort zu einem „Friedhof“ (Emmanuel Macron) geworden. Es bildet zwar keinen Eisernen Vorhang, doch gleicht es einem „Eisernen Meer“.

Ein Vorbild ist für mich die Städtepartnerschaft zwischen Sfax in Tunesien und Marburg, die auch eine Begegnung von zwei Sprachräumen ist, dem französischen und dem deutschsprachigen Raum.

Begegnungen inspirieren stets in mehrere Richtungen. Unseren Gesellschaften in Deutschland und in Frankreich helfen solcherlei Bürgerbegegnungen, mehr Weltoffenheit und Welterfahrung zu erleben.

2. These: Wir brauchen mehr Franco-Allemand in Ostdeutschland.

Das Franco-Allemand sollte von der VDFG und der FAFA lernen. Herzlichen Glückwunsch an die Organisatoren, insbesondere an die Deutsch-Französische Gesellschaft Halle an der Saale, dass sie nach vielen Jahren wieder einmal ihren Jahreskongress in Ostdeutschland ausrichten.

Ich selbst stamme aus Sachsen-Anhalt, aus Magdeburg, und möchte nicht verheimlichen, dass mich die Situation in Ostdeutschland im 30. Jahr nach dem Mauerfall besorgt. Die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen haben gezeigt, dass das Vertrauen in unsere Demokratie und in das europäische Friedensprojekt sinkt und autoritäre wie nationalistische Akteure den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft aufs Spiel setzen. Wir dürfen die Frankreich- und Europa-Begeisterten in Ostdeutschland nicht allein lassen und wären gut beraten, deutsch-französische Begegnungen und Initiativen zu fördern. Nur 5,5% der deutsch-französischen Städtepartnerschaften wurzeln in ostdeutschen Kommunen und auch im Deutsch-Französischen Jugendwerk besteht bei ostdeutschen Teilnehmenden noch Luft nach oben. Hier müssen wir ansetzen, um durch Begegnungen mit Frankreich oder europäischen Nachbarn Vertrauen in Demokratie und Europa wiederzugewinnen und interkulturelle Kompetenz als Selbstwert zu begreifen.

3. These: Wir brauchen neue Akteure und neue Zielgruppen im Franco-Allemand, insbesondere im Jugendbereich.

Nicht jeder und nicht jedem ist Weltoffenheit und Europakompetenz, Zwei- und Mehrsprachigkeit in die Wiege gelegt. Und doch entscheiden diese Fähigkeiten und interkulturellen Kompetenzen über Berufswege.

Ich sehe eine unserer wichtigsten Aufgaben darin, in Milieus vorzudringen, in denen das Franco-Allemand noch keine Selbstverständlichkeit ist. Im DFJW verfolgen wir deshalb seit vielen Jahren das Ziel, mehr Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in unseren Begegnungen zu unterstützen: Jugendliche mit Migrationshintergrund, Jugendliche mit sozioökonomischen Schwierigkeiten, aber auch mobilitätsferne Jugendliche aus dem ländlichen, strukturschwachen Raum. In unserem Haus arbeiten wir hier mit dem Netzwerkansatz, um im Sinne von Niklas Luhmann „Vertrauen durch Anwesenheit“ zu stiften. Wir versuchen Jugendarbeiter und Streetworker regelmäßig zusammenzubringen, die vor Ort mit Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Hintergründen zusammenarbeiten. Sie sind es, die an junge Menschen herankommen, die ihre Sorgen und Träume kennen, die ihnen zuhören und denen die Jugendlichen vertrauen. Und sie sind es, die das Franco-Allemand – und damit auch Vertrauen in die Demokratie und in Europa – dahin bringen, wo es besonders gebraucht wird: in schwierige Stadtviertel oder in den ländlichen Raum.

Ich möchte mit einem Wort der Bewunderung für die Organisatorinnen und Organisatoren schließen. Mit ehrenamtlichem Engagement begeistern sie an vielen Orten in Deutschland und Frankreich für Europa und sind Vorbilder einer transnationalen, europäischen Zivilgesellschaft. Nur gemeinsam können es die zivilgesellschaftlichen Akteure im Franco-Allemand schaffen, eine deutsch-französische Bürgergesellschaft zu bauen und Europa zu stärken.

Europa wird aus Mut gemacht. Und so wünsche ich Ihnen viel Mut, viel Erfolg und natürlich viel Freude auf erprobten und auf neuen Wegen, bei innovativen Projekten und Woche für Woche in ihrem bürgerschaftlichen Engagement. Im Franco-Allemand wächst zusammen, was zusammengehört.

Vive l’amitié franco-allemande!

Vive l‘Europe!


Diese Rede wurde von dem Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Tobias Bütow, am 13. September in Halle anlässlich des 64. Kongress der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften und der Fédération des Associations Franco-Allemandes pour l‘Europe gehalten.