Mit diesem methodischen Ansatz sollen die Teilnehmenden dazu befähigt werden, sich innerhalb von Geschichte zu verorten. Sie sollen zudem ein besseres Verständnis dafür entwickeln, wie Geschichte übermittelt wird, indem sie eine Verbindung zwischen individueller und kollektiverEbene herstellen. Die Methode kann im Rahmen eines halbtägigen Moduls oder als roter Faden einer mehrtägigen Begegnung genutzt werden. Sie lässt sich mit folgendem Schema zusammenfassen:

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Zum Zwecke eines guten Gesprächsablaufs ist es vor Übungsbeginn sinnvoll, die Teilnehmenden zu einer gemeinsamen Festlegung von Kommunikationsregeln zu ermuntern. Diese können zum Beispiel umfassen, kein Urteil über die Geschichte der einzelnen Teilnehmenden oder ihrer Familien abzugeben oder seine eigene Meinung nicht zur allgemein gültigen zu erheben,  andere zu maßregeln usw. Das gemeinsame Erarbeiten dieser Regeln, schafft mehr Akzeptanz derselben innerhalb der Gruppe.

1. Meine individuelle Geschichte / Meine Familiengeschichte

Dieser Abschnitt kann gleich zu Beginn der Begegnung stehen, wenn die Teilnehmenden sich spielerisch kennenlernen. Jede/r stellt ihre/seine Geschichte oder die ihrer/seiner Familie in einer Kleingruppe von max. 4-5 Personen vor und trägt diese auf einer Zeitskala ein, angefangen mit dem Geburtstag bis zum Datum der Jugendbegegnung.

Durch diese Art von Einführung werden die jungen Menschen für historische Fragen sensibilisiert und können diese mit ihrer eigenen Erfahrung in Verbindung bringen. Außerdem ermöglicht dieser Ansatz, die Identität der Teilnehmenden vollständig zu berücksichtigen, indem z.B. Raum für das Thema Migration geschaffen wird.

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Eine Präsentation im Plenum im Anschluss ist nicht vorgesehen. Die Arbeit in Kleingruppen zielt darauf ab, einen Austausch über persönliche und familienbiographische Erfahrungen in einem vertrauensvollen Rahmen zu ermöglichen.

2. Die Lokalgeschichte des Begegnungsortes

Das Vorgehen in diesem Abschnitt erfolgt vom Konkreten zum Allgemeinen und verbindet individuelle mit kollektiver Geschichte. Die Teilnehmenden können sich dabei auch den Ort aneignen, an dem sie sich befinden, indem sie seine Geschichte z.B. durch die Begegnung mit einem/r Bewohner/in oder der eingehenden Beschäftigung mit einem Denkmal erkunden.

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Bei einer bi- oder trinationalen Begegnung sollte dafür gesorgt werden, dass  die sprachlichen Aspekte den Austausch bei der Begegnung nicht behindern oder blockieren, indem so oft wie möglich non-verbale Mittel genutzt werden. So können z.B. Zeichnung und Pantomime angewandt sowie Gegenstände und Orte ausgewählt werden, durch die sich Informationen direkter erschließen lassen und die Zeit für die konsekutive Verdolmetschung begrenzt wird.

Die Seminarleitung sollte auch die interkulturellen Aspekte berücksichtigen. Einerseits ist die Betrachtung von Geschichte durch die jeweiligen nationalen Diskurse bedingt. Diese sollten relativiert werden. Andererseits eignet sich eine für eine deutsche Gruppe konzipierte Methode nicht unbedingt für eine französische. Bei einem Schüleraustausch kann es zum Beispiel sehr unterschiedlich sein, wie viel Autonomie den Schüler_innen eingeräumt wird oder wie sich die Beziehung zwischen Familie und Schule gestaltet.

3. Welche Informationsquellen werden genutzt? Formen der Übermittlung?

Die Teilnehmenden werden gebeten, die Quellen zu benennen, denen sie die Informationen zu ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie sowie zur lokalen Geschichte des Begegnungsortes entnommen haben. Hierbei kann es sich um eigene Erinnerungen, Berichte der Eltern, Tagebücher der Familie oder Fotoalben handeln. Einige Erinnerungen gehen auf eigene Erfahrung zurück, während andere durch unterschiedlichste Kanäle weitergegeben wurden.

4. „Große“ Geschichte vs. Geschichte des kleinen Mannes

Die Geschichte der Einzelnen wird hier der „großen“ Geschichte gegenübergestellt, die in Büchern und Museen vermittelt wird. Die Ausbildenden können zunächst unterstreichen, dass die Weitergabe von Geschichte in beiden Fällen ähnlich verläuft (über Zeitzeugen, Archive usw.) und die Teilnehmenden dazu ermuntern, ihre Biografie (1. Etappe) in einen umfangreicheren Zeitstrahleinzutragen, der den Zeitraum 1914-2014 umfasst.

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Die Ausbildenden können beispielhaft ihre eigene Biografie vorstellen, so dass klar wird, dass sie bei der Begegnung Teil der Gruppe und keine Lehrenden sind. Bei der Schilderung ihres Lebensweges können sie auch markante Ereignisse der jüngeren Zeitgeschichte, wie den 11. September 2001, nennen und erzählen, wie sie diese erlebt haben. Daraufhin werden die Teilnehmenden gebeten, das gleiche zu tun und zu erklären, warum sie sich jeweils dafür entschieden haben. Daraus lässt sich die Frage ableiten: „Was genau ist ein historisches Ereignis?“ (Lassen sich z. B. ein Fußballspiel oder der Tod eines Filmschauspielers so definieren?).

Welche dokumentarischen Quellen für das Studium der „großen“ Geschichte ausgewählt werden, hängt sowohl vom zu untersuchenden Zeitabschnitt ab als natürlich auch vom Ort der Begegnung. In Frage kommen dabei:

  • Ausstellungen in Museen oder Gedenkstätten
  • Publikationen
  • Archivmaterialien (Briefe, Zeitungsartikel…)
  • Historische Stätten
  • Zeitzeugengespräche usw.

In diesem Abschnitt bedient sich die Seminarleitung, die selbst nicht unbedingt über eine historische Ausbildung verfügt, externer Angebote. Ihre Rolle dabei ist es vor allem, diese Angebote pädagogisch auszuloten und mit den Diskussionen innerhalb der Gruppe zu verknüpfen.

Sollte sich der Begegnungsort dafür eignen, kann es durchaus interessant sein, eine Rallye oder Schatzsuche zu organisieren und die Teilnehmenden in der Rolle von Detektiven Indizien suchen zu lassen, um Tatsachen zusammen zu tragen.

Dabei ist es sinnvoll, auf lokale Quellen, wie Tourismus-Information, Heimatvereine usw. zurück zu greifen.

5. Welche Verbindungen gibt es zu meinem gegenwärtigen Leben? Zu meiner Zukunft?

Nach dem Schritt vom Konkreten zum Allgemeinen und von der individuellen zur kollektiven Geschichte, werden die Teilnehmenden nun, um den Kreis zu schließen, dazu ermutigt, sich einer Frage zu stellen, die oft umgangen wird, da sie sich nicht leicht beantworten lässt: „Und was hat diese Geschichte eigentlich mit mir zu tun“?

Diese wichtige Etappe kann in Form einer Diskussion oder eines Diskussionsforums erfolgen. Dabei lässt sich hervorragend darstellen, wie modern und aktuell Geschichte sein und wie gut sie als Rezeptionsmuster der Gegenwart genutzt werden kann. So lässt sich z.B. von der Geschichte eines Genozids (wie in Armenien, im Holocaust oder in Ruanda) zur Praxis von Gewalt und Exklusion in unseren Gesellschaften oder vielleicht noch konkreter in unseren Wohnvierteln oder einer Institution überleiten. Beim Thema Erster Weltkrieg wird sich die Diskussion eher um Fragen wie Nation und bürgerschaftliches Engagement drehen: Was bedeuten diese heutzutage, angesichts der Globalisierung? Wofür lohnt es, sich im XXI. Jahrhundert zu engagieren? Wie sollen sich Länder wie Frankreich und Deutschland und ein umfangreicher Verbund wie Europa Ausdruck verschaffen?

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Es ist wichtig, die Übung mit einer gemeinsamen Auswertung aller Teilnehmenden zu beenden. Die gewählten Methoden sollten es ihnen ermöglichen, ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen (zum Lernprozess, zu ihrer Rolle in der Gruppe usw.). Werturteile sollten möglichst vermieden werden. Ziel der Auswertung ist es nicht, Redebeiträge hervorzuheben oder zu hierarchisieren, sondern die Beziehungen zwischen den Einzelnen nach ihren positiven wie nach ihren negativen Aspekten zu hinterfragen.

Die auf der Veranstaltung zusammen getragenen Informationen können wiederum in eine Ausstellung, einen Blog oder einen Lokalbeitrag einfließen.