von Emily Nething

Anscheinend gehöre ich seit ein paar Monaten einer neuen Gruppe an: nicht mehr jung. Mir kommt eine Anekdote in den Sinn, die mir vor Jahren eine damals 27-jährige Kollegin erzählte: Sie wollte eine Ausstellung in Paris besuchen und bat ihren jüngeren Bruder um dessen Ausweis, um ein ermäßigtes Ticket kaufen zu können. Kein Problem, die Kollegin und ihr Bruder hatten eine ähnliche Frisur – gute Geschichte. Zu meiner Verwunderung wirkte die Kollegin etwas wehmütig, als sie davon erzählte.

Vor dem Parkschild in Rom verstehe ich meine Kollegin: Auf einmal ist man nicht mehr Teil einer Gruppe, der man sich über Jahre zugehörig gefühlt hat, einer Gruppe, die von Nicht-Mitgliedern – auch bekannt unter: die Erwachsenen – wahlweise nostalgisch mystifiziert oder freundlich belächelt wird. Sieht man einmal davon ab, nicht ernst genommen zu werden, was einem der freundlich lächelnde Teil der Nichtmitglieder gerne entgegenbringt, so bringt die Mitgliedschaft in der Gruppe „Die Jugend“ eigentlich nur Vorteile mit sich: Man kann sich nach 3 Semestern Sozial- und Kulturanthropologie entscheiden, doch eine Ausbildung zur Tischlerin zu machen. Man muss sich nicht mit Vorgesetzten oder Kolleg:innen absprechen, wenn man spontan ein paar Wochen nach Finnland reisen möchte. Man kann bis 4 Uhr morgens unterwegs sein und muss nicht um 6:30 Uhr aufstehen, um auf dem Weg zur Arbeit fast einzuschlafen. Man kann auch um 17 Uhr anfangen zu lernen – oder sich dazu entscheiden, die Klausur im nächsten Semester zu schreiben. Man kann gegen steigende Mieten, unzureichende Klimaschutzmaßnahmen, ungerechte Steuerpolitik und nicht enden wollende Kriege protestieren und muss sich nicht überlegen, ob man bald arbeitslos ist, wenn man auf die Demo und nicht ins Büro geht. Kurz: Es ist im schlimmsten Fall geduldet und im besten Fall erwünscht, gängige Vorstellungen zu hinterfragen und sich auch in den eigenen irren zu können.

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Zugegeben: Es ist mir schwergefallen, diese Ansammlung an Klischees nicht direkt zu relativieren. Dafür ist es nicht einmal nötig, das Narrativ zu bemühen, wonach „die Jugend eine Erfindung der Moderne“ sei. Es ist auch nicht nötig, auf Länder mit geringerem Bruttoinlandsprodukt als dem deutschen hinzuweisen. Es reicht, in ein anderes Stadtviertel oder eine andere Region zu gehen – vielleicht auch die Wohnung nebenan –, um zu verstehen, dass längst nicht alle jungen Menschen an verschiedenen Orten studieren oder auch nur mal bis 13 Uhr schlafen können. Das Privileg der Jugend kommt nicht ohne Bedingungen aus.

Man könnte jetzt fragen: Wieso sollte die Jugend überhaupt in den Genuss eines Privilegs kommen? Erzieht man so nicht eine ganze Generation hoffnungslos ichbezogener Individuen? Auf Einzelne mag das sicherlich zutreffen. Doch die Alternative, jungen Menschen einen zentralistisch festgelegten Lebensweg vorzugeben, widerspräche zum einen dem Anspruch einer offenen und pluralistischen Gesellschaft, Menschen in ihrer persönlichen Entfaltung zu fördern. Zum anderen könnte eine Gesellschaft auf diese Weise bald genau das nicht mehr für sich beanspruchen: offen und pluralistisch zu sein. Denn um sich weiterzuentwickeln, benötigt eine Gesellschaft ein Korrektiv, den Blick von Menschen, die nicht bereits seit Jahrzehnten in sie eingebunden sind (dazu gehören selbstverständlich nicht nur junge Menschen). Das Privileg der Jugend ist also auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene notwendig.

Was also lässt sich tun, um möglichst allen jungen Menschen Zugang zu diesem Privileg zu verschaffen? Es geht nicht darum, jungen Menschen unter dem Deckmantel der persönlichen Entwicklung jeden Wunsch zu erfüllen oder jede Dummheit nachzusehen. Vielmehr geht es darum, gleiche oder zumindest vergleichbare Bedingungen für alle jungen Menschen zu schaffen – finanziell und ideell –, damit das Privileg der Jugend nicht das Privileg einiger weniger bleibt. Internationale Jugendbegegnungsprogramme wie die des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) können einen bedeutenden Beitrag dazu leisten. Sie unterstützen junge Menschen auf verschiedenste Weise darin, neue Erfahrungen zu machen: ob im deutsch-französischen Sportcamp, beim Theaterprojekt oder mit einem Praktikumsstipendium.

Mit 18 Jahren habe ich im Rahmen des Deutsch-Französischen Freiwilligendiensts ein Jahr in Paris gelebt. Das Programm steht allen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren offen. Man braucht lediglich einen Wohnsitz in Deutschland oder Frankreich, besondere Deutsch- bzw. Französischkenntnisse sind für viele Einsatzstellen (und andere Programme des DFJW) nicht erforderlich. Ich erinnere mich lebhaft an meine Zeit als „Freiwillige“: daran, wie selbstverständlich es für mich mit der Zeit wurde, auf Französisch nach dem Weg zu fragen, bei den Vermieter:innen anzurufen oder Bücher zu lesen; daran, wie stolz ich war, meinen Lebensunterhalt selbst finanzieren zu können; oder daran, mit wie selbstbewusst ich am Ende des Jahres durch Frankreich reiste. So unterschiedlich die Erfahrungen waren, die meine „Mitfreiwilligen“ und ich gemacht haben: Uns allen ist bewusst geworden, wie es ist, zunächst fremd an einem Ort zu sein. Diese Erfahrung hat uns empathischer werden lassen für andere Menschen, die neu sind in einem Umfeld, das uns vertraut ist. Das Privileg der Jugend, wie ich es meine, hat also wenig mit dem Klischee der Langzeitstudierenden gemein, die auf „Den Kapitalismus“ schimpfen und sich seit Jahren durch großzügige Überweisungen seiner:ihrer Eltern finanzieren. Stattdessen scheint es sich dabei alles in allem doch um etwas Förderwürdiges zu handeln.

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Aber zurück zu meinem Erlebnis in Rom: Darf man ab einem bestimmten Alter etwa nichts mehr ausprobieren? Dieser Gedanke ist es, der mich beunruhigt, wenn ich durch altersdifferenzierte Eintrittspreise daran erinnert werde, dass meine Mitgliedschaft in der Gruppe „Die Jugend“ über die nächsten Jahre auslaufen wird. Was mir Angst macht, ist der Verlust eines Lebensgefühls. Wie ich so darüber nachdenke, fällt mir ein, dass die Kollegin noch etwas sagte: Es wäre sinnvoll gewesen, den vollen Eintrittspreis zu bezahlen, schließlich verdiene sie ja Geld. Und möglicherweise, ergänze ich in Gedanken, war die Kollegin bereits in einigen ermäßigten Ausstellungen und hat ein ungefähres Gefühl dafür bekommen, welche ihr gefallen. Der Unterschied zwischen „Der Jugend“ und „Den Erwachsenen“ ist vielleicht weniger, dass die einen mehr ausprobieren dürfen als die anderen, sondern dass die einen dafür mehr auf Unterstützung angewiesen sind als die anderen. Und dass man als erwachsene Person genau diesen jugendlichen Optimismus noch etwas vehementer einsetzen muss, um sich gegen Gruppenmitglieder des freundlich-belächelnden Typs zu wappnen.

Vorschau Emily

Emily Nething verbrachte nach ihrem Abitur 2015 ein Jahr als Freiwillige im Deutsch-Französischen Jugendwerk in Paris. Danach zog es sie zum Psychologiestudium in die deutsche Hauptstadt. Ab Juli 2023 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Greifswald und setzt sich in diesem Kontext für die Entstigmatisierung psychischer Störungen ein.

Emily Nething
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