Warum haben Sie am DFJW-Programm „Arbeitsaufenthalt im Museum“ teilgenommen? Was interessiert Sie an Frankreich/Deutschland?
Elisabeth Schönthal: Mich hat besonders die Möglichkeit motiviert, erneut für eine längere Zeit in Frankreich leben und arbeiten zu können. Seit meiner Kindheit bin ich mit Frankreich eng verbunden. Auch meine Faszination für Kunst, Literatur und die Vielfalt Frankreichs ist seitdem ungebrochen. Deshalb habe ich mich nach einem Auslandsjahr als Au-pair in Paris für ein Romanistikstudium entschieden.
Die Austauschprogramme des DFJW sind mir bereits seit meiner Schulzeit bekannt. Damals habe ich am Brigitte-Sauzay-Programm teilgenommen. Meine Verbindung zu Frankreich blieb auch während des Studiums bestehen: Meine Masterarbeit habe ich über die deutsch-französischen Netzwerke während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg geschrieben.
Es war für mich eine große Chance, Einblicke in den Arbeitsalltag eines französischen Museums und in die sammlungsbezogene Provenienzforschung zu erhalten. Mir war es besonders wichtig, mich auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu vernetzen.
Joël Zouna: Nach einem Forschungsaufenthalt im Jahr 2024 an der Technischen Universität Berlin (TU) habe ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten gemacht, Erfahrungen in einem Museum in Deutschland zu sammeln. Dieser Forschungsaufenthalt fand im Rahmen des Projekts „Reversed History of Collections. Cameroon’s Cultural Heritage in German Museums“ statt. Das Ziel dieses Projektes bestand darin, eine Kartografie des kamerunischen Kulturerbes zu erstellen, das in deutschen öffentlichen Museen aufbewahrt wird. Mir war bewusst, dass das Verhältnis zwischen Hochschulen und Museen – insbesondere den Museen, die ich gerne als post-ethnografisch bezeichne – heikel ist. Mit seinem berufsbezogenen Ansatz erwies sich der „Arbeitsaufenthalt im Museum“ als besonders geeignet, um diese Herausforderungen in Deutschland zu untersuchen.
Mein Interesse an Deutschland liegt an der Schnittstelle meines Werdegangs. Mein Dissertationsprojekt „Die Vereinigten Staaten im Kreislauf kolonialer Sammlungen. Kamerunisches Kulturerbe im Field Museum of National History im 20. Jahrhundert“ wurde in Deutschland als Fortsetzung des genannten Forschungsaufenthalts konzipiert. Der zentrale Schwerpunkt dieser Doktorarbeit besteht darin, ein Verständnis des Kunstmarktes zwischen dem Deutschland der Zwischenkriegszeit und den Vereinigten Staaten von Amerika zu vermitteln und dabei den Beitrag der USA zum kolonialen (und postkolonialen) Kulturraub zu hinterfragen. Zunächst einmal ist es für mich notwendig, mich nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Geschichte Deutschlands vertraut zu machen.
Sie befassen sich mit der Erforschung und dem Umgang mit NS-verfolgungsbedingtem Kulturgut. Was bedeutet das konkret?
Elisabeth: Die Provenienzforschung möchte die Herkunft und die historischen Eigentumsverhältnisse von Kunst- und Kulturgütern nachzeichnen. Bei der Erforschung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunst- und Kulturgütern werden museale und private Sammlungen auf Verdachtsfälle hin untersucht. Ziel ist es, Verfolgungsschicksale und Enteignungsmechanismen sichtbar zu machen und möglichst gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Prinzipien zu finden. Ein Beispiel dafür sind Restitutionen. Als Teil einer aktiven Erinnerungskultur können wir so dazu beitragen, das geschehene Unrecht aufzuklären.
In meiner aktuellen Position bei der KPF.NRW unterstütze ich die Entwicklung von Projekten zur Erforschung der eigenen Sammlung. Ich beschäftige mich auch mit den vielfältigen Fragen rund um die Provenienzforschung, beispielsweise mit der Erforschung von Verdachts- und Restitutionsfällen.
Sie sind derzeit Doktorand der Kunstgeschichte an der ENS Paris (PSL) und Vertragsdoktorand am Institut National d’Histoire de l’art (INHA) in Paris. Können Sie uns mehr über Ihre Arbeit erzählen?
Joël: Seit 2025 bin ich am INHA tätig, wo ich am Projekt „Die Künste Afrikas während des Zweiten Weltkriegs: Raub, Zerstörung, Zerstreuung“ mitarbeite. Das Projekt wird von Yaëlle Biro geleitet und koordiniert. Es ist in das Modul zur Sammlungsgeschichte, zur Geschichte der Kunst- und Kulturinstitutionen sowie zur Kunstwirtschaft der Abteilung für Studien und Forschung des Instituts integriert. Meine Arbeit ist vielfältig. Ich organisiere wissenschaftliche Veranstaltungen – an denen ich auch teilnehme –, wie Workshops, Seminare, Studientage und Kolloquien. Darüber hinaus betreibe ich Forschung zu diesem Thema, das in der Geschichtsschreibung eine Grauzone darstellt. Wie es der Zufall so will, besteht eine zeitliche und thematische Übereinstimmung zwischen diesem Projekt und meiner Doktorarbeit. Diese institutionelle Verbindung ist daher besonders anregend.
Sie arbeiten auch auf internationaler Ebene mit anderen Institutionen zusammen, auch in Frankreich. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Elisabeth: Grundlage unserer koordinierenden Tätigkeit ist es, den wissenschaftlichen Austausch mit anderen Provenienzforscher:innen, insbesondere mit internationalen Kolleg:innen, zu fördern. Ein Beispiel: Archive oder das Wissen um vorausgegangene Forschung sind nicht immer zugänglich. Deshalb ist der Wissensaustausch so wichtig. Im Anschluss an meinen zweimonatigen Aufenthalt im Musée du Louvre hat es sich im Rahmen einer Kooperation ergeben, einen weiteren Monat bei der Mission de recherche et de restitution des biens culturels spoliés entre 1933 et 1945 (M2RS) zu hospitieren und die Zusammenarbeit beider Institutionen zu stärken. Heute unterstützen wir uns gegenseitig bei provenienzbezogenen Anfragen, tauschen uns regelmäßig aus und setzen gemeinsame Projekte und Veranstaltungen um.
Sie haben den Grand Prix Marcel Wormser für Ihre Forschungsarbeit zu den kamerunischen Sammlungen des Field Museum in Chicago erhalten. Können Sie uns in wenigen Sätzen erklären, worum es bei dieser Forschungsarbeit geht?
Joël: Mit diesem Preis der Association pour le Soutien aux Travaux de Recherche Engagés sur les Spoliations (ASTRES) werden jedes Jahr vielversprechende Arbeiten im Bereich der Provenienzforschung auszeichnet. Meine Forschung gliedert sich in drei Hauptpunkte. Zunächst zielt sie darauf ab, die Umstände des Erwerbs einer Sammlung zu klären, die fast 2.000 Objekte, 500 Fotografien und menschliche Überreste umfasst. Es handelt sich um eine der bedeutendsten Sammlungen kamerunischer Kulturgüter auf US-amerikanischem Boden. Meine Arbeit besteht darin, alle Akteure zu identifizieren und ihre Handlungen mit dem geopolitischen und wirtschaftlichen Kontext der Zwischenkriegszeit in Verbindung zu bringen. Anschließend soll das „Leben“ dieser Sammlung vor dem Hintergrund der geopolitischen Umwälzungen nach 1945 untersucht werden. Schließlich zielt diese Arbeit darauf ab, die Möglichkeiten einer (Wieder-)Aneignung dieser Kulturgüter zu erörtern. An der Schnittstelle dieser wichtigen Epochen vereint diese Forschung somit Kolonialgeschichte, Zeitgeschichte und Postkolonialstudien,um die Mechanismen der (doppelten) Enteignung zu untersuchen.
Sehen Sie einen Unterschied in der Herangehensweise zwischen Deutschland und Frankreich?
Elisabeth: Die besondere Rolle Deutschlands als Täterstaat ist mit keiner anderen Nation vergleichbar. Deshalb befasst sich Deutschland spätestens seit der Washingtoner Konferenz 1998 systematischer mit diesem Thema. Dank der staatlichen Drittmittelförderung – sie ist der entscheidende Motor für Forschung und Hochschullehre – gibt es heute in deutschen Museen deutlich mehr feste Arbeitsstellen als in Frankreich. Während in Deutschland zahlreiche Einzelprojekte nebeneinander bestehen, prägen in Frankreich zentrale Strukturen die Arbeit. Frankreich hat zwar später begonnen, konnte sich in diesem Feld dafür aber schneller professioneller aufstellen. Auch in Frankreich gibt es inzwischen Ausbildungsmöglichkeiten in der Provenienzforschung an Hochschulen. In Deutschland haben sie sich bereits etabliert. Letztendlich hängt eine großflächige, systematische Aufarbeitung in beiden Ländern jedoch von den verfügbaren finanziellen Mitteln ab. Ohne sie ist die Aufgabe kaum zu bewältigen.
Einige Länder haben bereits damit begonnen, Kunstwerke an ihre Herkunftsländer zurückzugeben. Auch in Frankreich tut sich in letzter Zeit etwas: Sehen Sie da einen echten Wandel?
Joël: Absolut. In den Ländern, die einst Kolonialmächte waren, entwickeln sich die Dinge in unterschiedlichem Tempo. Dies liegt vor allem daran, dass die Frage des Kulturerbes in Frankreich, den Niederlanden, Belgien oder Deutschland unterschiedlich geregelt ist, wenn auch mit deutlichen Gemeinsamkeiten. Weitere Gründe sind die Fortschritte beim nationalen Verständnis der Kolonialgeschichte, das von Land zu Land unterschiedliche Aspekte aufweist. In Frankreich verankert das Kulturgutschutzgesetz die Unveräußerlichkeit, Unteilbarkeit und Unverjährbarkeit der nationalen Sammlungen. Bislang musste jede Entscheidung über eine Rückgabe auf der Verabschiedung eines sogenannten Einzelgesetzes beruhen. Seit dem 9. Mai dieses Jahres ist jedoch ein sogenanntes „Rahmengesetz“ in Kraft getreten, das eine Ausnahme vom Grundsatz der Unveräußerlichkeit für Werke vorsieht, die zwischen 1815 und 1972 Gegenstand einer unrechtmäßigen Aneignung waren. Sie werden als Diebstahl, Plünderung, Abtretung oder Schenkungen, die unter Zwang oder Gewalt erlangt wurden, definiert. Dieses Gesetz ist ein bedeutender Fortschritt, auch wenn es zwei Aspekte ausklammert, die mir grundlegend erscheinen: den kolonialen Kontext und die Kriegsbeute. Darüber hinaus wird, sobald ein Staat einen Rückgabeantrag an Frankreich stellt, dieser in erster Instanz von einem liberalen wissenschaftlichen Ausschuss geprüft, woraufhin eine öffentliche und begründete Stellungnahme einer nationalen Rückgabekommission folgt.
Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, denen sich Museen heute stellen müssen, insbesondere wenn es darum geht, junge Menschen im digitalen Zeitalter und im Kontext der sozialen Netzwerke anzusprechen?
Elisabeth: Die größte Herausforderung sehe ich darin, die Hemmschwelle jüngerer Generationen abzubauen und das Museum als Ort der Gemeinschaft erfahrbar zu machen. Pädagogische und didaktische Programme müssen deshalb so gestaltet sein, dass Museen für ein breites, junges Publikum attraktiv werden. Gleichzeitig bringt die Digitalisierung – etwa durch künstliche Intelligenz und die Gefahr verfälschter Fakten – neue Herausforderungen mit sich. Denen müssen Museen mit verlässlicher Vermittlung begegnen. Sie müssen ihr eigenes Profil in einer komplexen, sich wandelnden Gesellschaft finden. Dabei können Museen zu Orten des gesellschaftspolitischen Austausches werden – zu Räumen, in denen Themen wie Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus offen verhandelt werden.
Fragen der Rückgabe gehören zu den großen aktuellen Debatten in der Kulturwelt.
Allgemeiner gefragt: Was sind Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen, denen sich Museen heute stellen müssen, insbesondere wenn es darum geht, die jüngeren Generationen im Zeitalter der digitalen Welt und der sozialen Netzwerke anzusprechen?
Joël: Meiner Meinung nach ist es ein aussichtsloses Unterfangen, von dieser doppelten Assoziation auszugehen. Das suggeriert, dass das Museum eine Angelegenheit älterer Generationen sei, die Jugend und soziale Netzwerke untrennbar miteinander verbindet und letztlich die digitalen Möglichkeiten und die sozialen Netzwerke auf ein Mittel zur Vermittlung und Zugänglichkeit des Museums für die jüngeren Generationen beschränkt. Wenn es tatsächlich um die Zugänglichkeit und die Vielfalt des Publikums geht, dann müsste man Museen als einen Raum betrachten, der von politischen, sozioökonomischen und kulturellen Faktoren geprägt und durchdrungen ist. Um junge Menschen anzusprechen, sollten daher soziale Netzwerke einbezogen werden. Aber junge Menschen anzusprechen – und erst recht junge Menschen aus einfachen sozio-ökonomischen Verhältnissen – rückt die politische Frage wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Budgetkürzungen lassen die Kosten für den Besuch von Wechsel- und Dauerausstellungen ständig steigen – bis hin zu einer diskriminierenden Wirkung. Die Ausstellung Fela Anikulapo-Kuti. Rebellion Afrobeat, die 2023 in der Philharmonie de Paris gezeigt wurde, hat jungen Besucher:innen besonders gefallen. Ich habe meiner ersten Forschungsarbeiten dieser Ausstellung gewidmet. Eine der daraus resultierenden Überlegungen lautete: Man muss die beteiligten Kräfte hinterfragen, wenn man immer mehr Ausstellungen zu „Matisse“ anbietet, während Frankreich zu den fünf größten Märkten weltweit für den Konsum von Afrobeats gehört – einem Musikgenre, das durch soziale Netzwerke populär wurde und bei jungen Menschen besonders beliebt ist.
Welche Erlebnisse oder Begegnungen während des Programms sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Elisabeth: Es war einmalig und sehr beeindruckend, jeden Tag das Musée du Louvre aus nächster Nähe erleben zu dürfen. Das wird für mich nie selbstverständlich sein. Ganz besonders war das große Vertrauen, das mir das Team der Abteilung für Kunstgegenstände (département des Objets d’art) von Anfang an entgegengebracht hat. Ich wurde vollständig eingebunden, durfte mich frei bewegen, abteilungsübergreifend mitarbeiten und meine Forschungsergebnisse einer réunion provenance vorstellen.
Als Mensch und junge Wissenschaftlerin direkt aufgenommen zu werden, war eine der wertvollsten Erfahrungen meines Aufenthalts.
Joël: Dieses Programm bot mir die Gelegenheit, Nanette Snoep kennenzulernen. Sie ist die künstlerische Leiterin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, deren avantgardistische Arbeit im Bereich der Provenienzforschung ich bereits verfolgt hatte. Durch einen glücklichen Zufall fällt meine Teilnahme am „Arbeitsaufenthalt im Museum“ genau in das Jahr, in dem ihre Amtszeit als Direktorin endet. Ich bin daher sehr dankbar für diese Gelegenheit, da ich durch unsere wöchentlichen Treffen ein tiefes Verständnis für die politischen Herausforderungen entwickeln konnte, die ein Museum wie das Rautenstrauch-Joest-Museum in einer Stadt der Größe Kölns ausmachen.
Sie befasste sich Während ihres Arbeitsaufenthaltes im Musée du Louvre in Paris befasste sie sich mit Provenienzforschung und vor allem mit dem Unrecht von NS-Raubgut.
Seine Dissertation befasst sich mit der Geschichte kamerunischer Objekte, die im Field Museum of Natural History in Chicago aufbewahrt werden.
Blog "Die Jugend hat das Wort"
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