Ich freue mich sehr, heute morgen gemeinsam mit Gerhard Schröder hier bei Ihnen sein zu können, um Ihnen meine Ansichten zu dem Thema darzulegen, mit dem Sie sich seit zwei Tagen beschäftigen, nämlich "Historische Erinnerung und Identität". Man spürt gleich, wie stark diese Begriffe in unseren beiden Völkern ihre ereignisreiche und bedeutungsschwere Geschichte wachrufen, die zuweilen schwierig und schmerzvoll war. Es hat Symbolcharakter, dass wir am Ende dieses Jahrhunderts gemeinsam über dieses Thema nachdenken, unweit von Berlin, das wieder Hauptstadt ist, aber eine neue Hauptstadt der vereinigten Bundesrepublik Deutschland.
Ich freue mich auch, dass dieses Kolloquium von Arte veranstaltet wird, dessen Präsidenten, Jobst Plog, und dessen Vizepräsidenten, meinen Freund Jérôme Clément, ich hiermit begrüßen möchte. Dieser Fernsehkanal, der aus einem gemeinsamen politischen Willen heraus entstand, ist ein echter Erfolg der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Er trägt auf beiden Seiten der Grenze dazu bei, dass die Fernsehzuschauer die Kultur - und damit die Erinnerung - des anderen besser verstehen. Er verschafft ihnen damit Zugang zur Identität des anderen. Hierbei denke ich vor allem, lieber Marc Ferro, an die bemerkenswerte Sendung "Die Woche vor 50 Jahren", die Sie seit mehreren Jahren leiten.
Bei Ihren Arbeiten haben Sie sich um eine Klärung der Konzepte bemüht. Erinnerung ist nicht mit Geschichte gleichzusetzen, sie ist subjektiv, selektiv, affektiv. Die Erinnerung bewahrt nicht nur, sondern sie vergisst auch. Dies ist eines ihrer Verdienste wie auch eine ihrer Gefahren. Im Laufe der Jahrhunderte erwächst die Identität eines Volkes aus den Erinnerungen, denen es sich stellt, die es pflegt oder vergisst, ja sogar verdrängt. Unsere europäischen Erinnerungen sind reich an Kultur und Kreativität, an ruhmvollen Ereignissen und Erfindungsgeist. Sie begründen das, was wir sind. Aber die dunklen Seiten, die sie befleckt haben, müssen noch verstanden und darüber muß noch reflektiert werden. Es kann somit keine Erinnerung geben, die diese Bezeichnung verdient, ohne die Geschichte, die sie prägt und die sie erhellt. Wie ein Denkmal, ist die Erinnerung auch eine Art der Ehrerbietung. Sie ist Ausdruck einer Schuld gegenüber den Opfern der Geschichte. Daher kann es keine wirkliche Erinnerung geben, wenn sie nicht von den Werten der Gegenwart und den Verpflichtungen für die Zukunft getragen wird.
Ich möchte Ihr Thema heute nicht als Historiker, sondern als politisch Verantwortlicher erörtern. Wenn es Aufgabe des Politikers ist, die Erinnerung mit Mut und Sachverstand zu betrachten, dann darf dies weder zu Schuldgefühlen noch zu Lähmung führen. Vielmehr geht es darum, den Weg für Taten zu ebnen.
Wir müssen die Erinnerung mit Sachverstand aufbauen
Wie alle, die die vergleichende Geschichte der Völker studieren, wissen Sie, dass das "Zusammen-leben-wollen", das die Nation festigt, und die Kulturgemeinschaft, die sich auf die Sprache stützt, oft als Gegensätze angesehen werden. Tatsächlich jedoch ist der klassische Gegensatz zwischen der französischen und der deutschen Auffassung von Nation - zwischen Renan und Fichte - weniger ausgeprägt, als gemeinhin behauptet wird.
Unsere beiden nationalen Identitäten entstanden auf der Grundlage unserer Erinnerung und durch unsere Erinnerung. Als Erinnerung, die geschaffen wurde, verstand man sie oftmals als die Erinnerung des arroganten Siegers oder des rachsüchtigen Besiegten. Die Entstehung der nationalen Identitäten im 18. und 19. Jahrhundert, sei es im Zusammenhang mit der Französischen Revolution oder mit der deutschen Einigung, hat überall auch zum Bezug auf eine ruhmreiche Vergangenheit geführt, um die Bestandteile der Persönlichkeit eines jeden Volkes herauszubilden.
Die Beziehung zwischen unseren beiden Ländern war lange Zeit von der Gegenüberstellung der Identitäten geprägt. Von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs bis zur Zerstörung der Pfalz, vom Siebenjährigen Krieg bis zu den Feldzügen Napoleons, von Sedan bis Verdun gab die Erinnerung eines jeden unserer Völker diesen Ereignissen einen Sinn, der uns noch mehr trennte. Unsere "Stätten der Erinnerung" bezeugen dies in jedem Ort, unsere Gedenkstätten an die Toten erinnern uns nicht nur an die, die gefallen sind. Sie erinnern uns auch an unsere Schlachten. Manche Orte sind stärker als andere von Rachsucht geprägt: in Versailles zum Beispiel wurde 1871 der Sieg Preußens gefeiert und das deutsche Reich ausgerufen, bevor dann mit dem Vertrag von 1919 symbolisch Rache genommen wurde. In Rethondes wurde 1918 die Niederlage Deutschlands und 1940 die Niederlage Frankreichs besiegelt.
Den europäischen Ländern ist somit die schreckliche Erinnerung an ihre Kriege gemein. Aber die Heimsuchungen der Vergangenheit, zu denen jeder ein besonderes, einzigartiges Verhältnis hat, können wir heute in gewissen Maße in eine "gemeinsame Erinnerung" einbringen. Weil wir Europa errichtet und den Frieden geschaffen haben, weil wir heute eine europäische Gemeinschaft auf der Grundlage der Freundschaft zwischen den Völkern - und insbesondere zwischen unseren beiden Völkern - aufbauen. Erinnern bedeutet für mich nicht, alte Leiden wachzurufen, sondern, ohne diese zu vergessen, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Dies vermochte Léon Blum, als er 1923 in Hamburg in einer Organisation, in der wir, lieber Gerhard, heute noch vereint sind - nämlich der Sozialistischen Internationale - den Versailler Vertrag kritisierte. Damals prangerte er die Willkür des Artikels an, demzufolge Deutschland seine Alleinverantwortung für den Krieg anerkennen musste. Seine Haltung scheint mir beispielhaft für das, was die Verantwortung eines Politikers sein muss: Sachlichkeit angesichts der Erinnerung und Mut angesichts der Gegenwart. Im ausgehenden 20. Jahrhundert blicken unsere beiden Völker zwar auf eine besondere Geschichte zurück, aber diese beiden Erfordernisse müssen uns einen.
Denn jeder von uns hat Mühe, "eine Vergangenheit, die nicht vergeht" zu bewältigen. Sie sind seit über 50 Jahren mit der Frage des Nazismus und der Shoah konfrontiert. Einer "Katastrophe" - so der Sinn dieses Wortes -, deren einzigartiges Ausmaß die Menschheit an ihr Schicksal erinnert und die grundlegende Frage stellt nach ihrer Fähigkeit, Böses zu tun. In diesem Sinne hat das Wort Shoah eine universelle Bedeutung. Für Paul Ricoeur "sind die Opfer von Auschwitz in unserer Erinnerung die Vertreter schlechthin sämtlicher Opfer unserer Geschichte".
Im Deutschland von heute müssen Sie die Probleme bewältigen, die durch die lange Teilung Ihres Landes in zwei Staaten entstanden sind, und die Folgen des anderen Totalitarismus bedenken. Wie sollte eine solche Vergangenheit nicht zu Debatten und Konfrontationen führen? Und wenn Sie uns, wie heute, dazu einladen, dann beteiligen wir uns daran natürlich mit Verständnis und in einem Geiste der Freundschaft.
Auch mein Land muss sich mit seiner Erinnerung auseinandersetzen. Sie wissen, wie lange seine Politiker brauchten, um die Verantwortung anzuerkennen, die der französische Staat unter dem Vichy-Regime für die Deportation der Juden und den Massenmord an ihnen trug. Und die jüngere Vergangenheit, die Kolonialkriege - in Indochina oder in Algerien - sind nach wie vor schmerzliche Themen.
Diese schwierige Arbeit ist unverzichtbar.
Sie zielt zunächst darauf ab, die nationale Gemeinschaft mit sich selbst zu versöhnen. Voraussetzungen dafür sind Kenntnisse und Diskussionen. Die Historiker müssen die Möglichkeit haben, die Vergangenheit frei und kritisch zu analysieren. Es ist daher erforderlich, dass die Archive geöffnet werden. Eine solch schwierige Entscheidung vermochte Deutschland zu treffen, als es nach der Wiedervereinigung die Stasi-Akten freigab. Eine solche Entscheidung traf auch meine Regierung für die Archive über die Ereignisse von 1961 inmitten des Algerienkriegs.
Der Politiker muss auf seinem Platz nicht nur zu einer besseren Kenntnis und zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit beitragen. Er muss unter Berücksichtigung dieser Vergangenheit auch versuchen, die Zukunft zu gestalten.
Auf der Grundlage unseres Reichtums an Erinnerungen müssen wir die Identität von morgen bauen.
Aus der Vielfalt der europäischen Kulturen erwuchsen universelle Werte. Der Pluralismus Europas ist im Mittelalter verwurzelt: der Kaiser, der Papst, die Könige, die Feudalherren, die Patrizierrepubliken, die Ordensgemeinschaften, die ersten Bürgerschaften und das aufbegehrende Volk trugen alle hierzu bei. Im Zuge der Reformation entstanden noch mehr Konfessionen, Staaten und Verfassungen. So konnte Descartes in den Vereinigten Niederlanden Zuflucht finden; oder Pierre Bayle, der mit Gewalt zum Katholizismus bekehrt worden war, konnte in Genf wieder den protestantischen Glauben annehmen und in Holland leben und schreiben. Diese politische, philosophische und religiöse Vilefalt - das ist Europa.
Die Kulturen unserer beiden Länder haben sich stets gegenseitig bereichert. Sei es in der Philosophie, in der Literatur oder in der Kunst, unsere beiden nationalen Genien haben sich durch ihre gegenseitige Beeinflussung und ihren Dialog Geltung verschafft. Ein und dieselbe Geistesströmung brachte in Frankreich und in Deutschland die Aufklärung hervor, auch wenn man Voltaire und Kant nicht einander gleichsetzen kann. Friedrich II. rief Voltaire an seinen Hof, und später machte Madame de Staël Deutschland einer ganzen Generation von französischen Schriftstellern und Denkern bekannt. Das Werk Goethes, die Verkörperung des deutschen Geistes, diente allen französischen Romantikern als Vorbild. Die Beziehungen zwischen dem Werk Beethovens und Berlioz' und in noch stärkerem Maße zwischen Wagner und Debussy verdeutlichen, wie sehr Ihre Musik die unsere geprägt hat.
Somit hat die deutsche Kultur auf vielfältige Weise Eingang in die europäische und französische Erinnerung gefunden. Die französische Kultur gehört Ihnen in gleicher Weise wie uns. Wenn nun die Erinnerung eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der nationalen Identitäten spielt, dann möchte ich auch sagen, dass sie nicht unbedingt homogen ist. Die meisten von uns unterhalten aufgrund ihrer familiären, aber auch politischen, religiösen, kulturellen Geschichte vielfältige Beziehungen zur Vergangenheit. Wir sind nicht Gefangene einer rein nationalen Erinnerung. Indem man erkennt, dass die Identität etwas Komplexes ist, kann man mit Sicherheit nationale Abkapselungen, ja sogar Nationalismen vermeiden.
Die Vielfalt der Kulturen ist also auch heute noch ein Wert, an dem uns viel liegt. Die "kulturelle Ausnahme", die mein Land in den internationalen Gremien verteidigt, hat für uns einen tiefen Sinn, da es gerade um die Verteidigung dieser Vielfalt geht. Sie soll der drohenden Vereinheitlichung entgegenwirken, denn diese würde zu einer Verarmung der Menschheit, zu einem Verzicht auf den Reichtum unserer Erinnerungen und langfristig zum Untergang unserer Identitäten führen.
In diesem Sinne wollen wir das europäische Modell verteidigen und somit das gemeinsame Erbe unserer Geschichte bewahren. Sie besteht nicht nur aus Kultur. Unser Kontinent kannte auch die industriellen Revolutionen und die großen sozialen Kämpfe, die sie auslösten. Aus dieser Geschichte erwuchs ein Gesellschaftsmodell: es gibt in der Tat eine europäische Vision vom Verhältnis zwischen Wirtschaft und Sozialem. Deshalb ist auch der Sozialismus eine Idee, die in Europa ihren Ursprung hatte und hier heute noch lebendig ist. Das gemeinsame Projekt der Europäer wird sich nicht gegen diese Identitäten, sondern auf deren Grundlage verwirklichen lassen.
In diesem Projekt gelangt die deutsch-französische Beziehung zur Reife. Unsere beiden Länder verbindet eine enge Freundschaft. Unsere Erinnerungen mögen vielleicht noch Missverständnisse nähren; es wird sie so lange geben, wie wir Deutsche und Franzosen bleiben, wie wir unsere Identitäten bewahren. Wichtig ist, dass wir uns so akzeptieren und so schätzen, wie wir sind. Mit der Vereinigung, die ich mir immer gewünscht habe und über die ich mich freue, hat Deutschland wieder seine volle Identität erlangt. Dass Sie - wie jedes Volk in Europa - diese Identität verteidigen, ist legitim. Wegen seiner Geografie, seiner Größe und seines Reichtums braucht sich Deutschland nicht zu entschuldigen. Es muss sich auch nicht rechtfertigen, wenn es seine eigenen Interessen verteidigt. Das tun wir auch. Wichtig ist, dass Kompromisse erzielt werden können. Hat nicht so die Europäische Gemeinschaft 40 Jahre lang funktioniert, und funktioniert nicht heute die Europäische Union genauso?
Aufgrund der Lehren, die wir aus unserer Vergangenheit ziehen, müssen wir heute gemeinsam Verantwortung tragen. Weil wir den Preis der Kriege, des Fanatismus und der Intoleranz kennen, weil wir dies alles bekämpft haben und weil wir aus der Erfahrung gelernt haben, müssen wir auch bei anderen Völkern, die auf unserem Kontinent oder anderswo durch ihre Erinnerung geblendet sind, gemeinsame Werte verteidigen, die sich auf eine bestimmte Sicht vom Menschen und seinen Rechten stützen. Diese Verantwortung veranlasst uns auch, die Urheber von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verfolgen. Sie macht es uns zur Pflicht, zu verhindern, dass unversöhnliche Hassgefühle weitere Opfer fordern. Darin liegt meiner Ansicht nach der Sinn, weshalb wir gemeinsam einen Beitrag zur Lösung des Kosovo-Konflikts leisten. Und deshalb werden wir auch in naher Zukunft die osteuropäischen Länder, die an unsere Pforten klopfen, in die Union aufnehmen.
Lieber Gerhard, meine Damen und Herren, zum Aufbau solider und aktiver Beziehungen entschlossen, wollten unsere beiden Länder seit Beginn der europäischen Einigung deren Motor sein. Denn diese Geschichte hat unsere jüngste Erinnerung geprägt, diejenige an die 50 Jahre gemeinsamer Anstrengungen, um uns besser kennen zu lernen und uns besser zu verstehen, aber vor allem auch, um mit unseren Partnern zu handeln und mit ihnen eine Gemeinschaft zu errichten.
Ist nicht dies die Erinnerung der Jugend unserer beiden Länder?
Offizielle Erklärungen
Die offiziellen Erklärungen der deutsch-französischen Zusammenarbeit versammeln zentrale politische Stellungnahmen, Gipfelerklärungen und gemeinsame Initiativen beider Länder. Im Kontext des Deutsch-Französisches Jugendwerk spiegeln sie die konkrete Ausgestaltung der bilateralen Beziehungen wider und verdeutlichen die politischen Impulse, die den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen jungen Menschen in Deutschland und Frankreich begleiten und prägen.