Mehr als die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen in der Europäischen Union (EU) gibt an, sich zumindest moderat einsam zu fühlen: In Deutschland sind es rund 51 Prozent, in Frankreich sogar etwa 63 Prozent. Auch wenn Einsamkeit weit verbreitet ist, ist sie bei vielen Menschen schambehaftet. Gerade deswegen ist es wichtig, darüber zu sprechen. Denn Einsamkeit erhöht laut der World Health Organization (WHO) das Risiko für schwere körperliche Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen und suizidale Gedanken. Ich wollte dem entgegenwirken und habe deshalb ein Magazin gegen Einsamkeit verfasst, um den Betroffenen eine Stimme zu geben und für mehr Aufklärung zu sorgen.

Aller Anfang ist – leer?

„Du dachtest wirklich, du schaffst es, ein ganzes Magazin allein zu schreiben?“ So oder so ähnlich schien mir mein leeres Word-Dokument entgegenzuschreien, während ich auch fünf Minuten nach dem Öffnen nur den blinkenden Cursor und das leere Blatt sah. Inzwischen war es dunkel geworden, fast 16 Uhr. Zu faul, um aufzustehen und das Licht anzumachen, ließ ich das grelle Leuchten meines Laptops als einzige Lichtquelle wirken.

Vor ein paar Wochen veranstaltete das Bundesbildungsministerium gemeinsam mit der Jugendpresse Deutschland e. V. einen Wettbewerb, bei dem relevante und politisch motivierte Projekte eingereicht werden sollten. Ich arbeitete schon länger als freie Journalistin. Als ich einer meiner Redaktionen einen Artikelvorschlag zum Thema Einsamkeit schrieb, wurde dieser abgelehnt. Die Idee, ein ganzes Magazin über Einsamkeit zu schreiben, gewann allerdings den Ideenpreis „Spotlight Jugend“.

„Batterie fast leer. Schließen Sie das Ladegerät an.“ Spätestens jetzt musste ich wirklich aufstehen.

„Früher hat man sich getroffen, heute schreibt man WhatsApp-Nachrichten“

„Alleinsein kann schön sein. Einsamkeit ist etwas ganz anderes. Ich fühle mich manchmal inmitten einer Gruppe viel einsamer als allein in meinem Zimmer“, sagte eine junge Studentin, die mir für ein Interview gegenübersaß. Sie erzählte über ihre Ersti-Woche an einer deutschen Universität. Meine Recherche vor Betroffenen zu beginnen, stellte sich als sinnvoller heraus, als vor dem Bildschirm. Zwischen Ersti-Wochen, dem Einstieg ins Berufsleben und hoher Bildschirmzeit ist es völlig normal, sich mal einsam zu fühlen. „Früher hat man sich getroffen, um etwas zu erzählen. Heute schreibt man eine kurze WhatsApp-Nachricht“, sagte Leon und zieht die Augenbrauen hoch. Der 20-jährige Kfz-Mechaniker arbeitete Vollzeit und hat das Gefühl, er habe bei seiner 40-Stunden-Woche und Haushalt kaum Zeit, sich mit Menschen zu treffen.

Auch bekannte Persönlichkeiten, wie die Elevator Boys, Boyband und Content-Creator, kennen das Gefühl der Einsamkeit. „Egal ob man einen riesigen Freundeskreis hat oder nur ein paar richtig enge Freunde – Es gibt einfach Momente, in denen man sich allein fühlt. Gerade in einer Welt, in der vieles digital stattfindet, kann sich dieses Gefühl manchmal einschleichen, ohne dass man’s direkt merkt“, offenbarte mir Julien Brown in einem Interview. Doch warum fühlt sich vor allem die Generation Z (Jahrgänge 1997 – 2012) so einsam?

Klicks, KI und Krieg

Bei jungen Menschen kann Social Media das Gefühl von Einsamkeit verstärken, vor allem durch den ständigen Vergleich mit idealisierten Bildern eines scheinbar besseren Lebens. Gleichzeitig ermöglichen soziale Netzwerke den Kontakt, wenn persönliche Treffen fehlen, etwa in Krisenzeiten. Entscheidend ist jedoch, wie sie genutzt werden: Digitale Interaktionen können reale Beziehungen unterstützen, sie aber nicht ersetzen. Das alles erklärt mir Prof. Dr. André Hajek. Er ist Professor für interdisziplinäre Versorgungsepidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und forscht zu Einsamkeit. Er betonte zudem die Rolle von Künstlicher Intelligenz: „Wir fordern Informationen an und erwarten, dass unsere Bedürfnisse direkt erfüllt werden. Zukünftig könnte dieses Kommunikationsmodell auch auf reale Beziehungen übertragen werden, sodass Menschen Beziehungen stärker unter dem Aspekt des persönlichen Nutzens betrachten.“

Neben der Digitalisierung spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle: Klimakrise, Kriege und wirtschaftliche Unsicherheit sind nur einige der vielen Ängste, mit denen sich die Generation Z herumschlagen muss. Das wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit und das soziale Wohlbefinden aus. Außerdem bieten flexible Arbeitsformen die Möglichkeit, mehr von zuhause zu arbeiten. Außerdem ziehen Menschen häufiger um, was zum Verlust fester sozialer Strukturen führen kann. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklungen zusätzlich beschleunigt.

Tipps gegen Einsamkeit

Ich sprach mit jungen Studierenden, Handwerkern und Rentner:innen. Sie alle eint die Einsamkeit. Mein Magazin sollte mehr Aufmerksamkeit für das Thema schaffen, aber konkrete Lösungsvorschläge durften auch nicht fehlen. Auf den JugendPolitikTagen in Berlin arbeitete ich in einem Workshop mit Jugendlichen gemeinsam heraus, was ihnen hilft, wenn sie sich einsam fühlen. Heraus kamen viele verschiedene Vorschläge: Berichte von Betroffenen zu lesen, um sich verstanden zu fühlen, zu weinen und die Gefühle herauszulassen, Lieblingsessen zuzubereiten und alte Bekannte zu kontaktieren. Ihnen würde es helfen, wenn das Thema enttabuisiert wird und es in ihren Regionen mehr Angebote für Zusammentreffen gäbe, z. B. gemeinsames Backen oder Kochen.

Ass.-Prof. Dr. Mareike Ernst, Psychologin und Forscherin im Bereich Klinische Psychologie an der Universität Klagenfurt, erklärt mir ergänzend, dass psychologische Interventionen, die die eigene Sicht auf soziale Beziehungen verändern, besonders wirksam gegen Einsamkeit sind. Wer etwa wegen Depressionen oder Ängsten eine Therapie macht, merkt oft, dass sich auch das Einsamkeitsgefühl verringert.

Hilfreich ist außerdem Mut, aktiv auf andere zuzugehen, etwa mit einer Einladung auf einen Kaffee. Auch kurze, ungezwungene Begegnungen im Alltag können helfen, Kontakte zu knüpfen. In der Arbeitswelt könnten gemeinsame Mahlzeiten dazu beitragen, Isolation zu verringern.

Verantwortung für die Einsamkeit wird allerdings häufig als Schuld der Personen abgetan, obwohl die Ursachen oftmals in strukturellen Bedingungen liegen. Besonders betroffen sind Menschen mit Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung und Personen, die in Armut leben. Da soziale Teilhabe oft mit Kosten verbunden ist, bleibt sie vielen verwehrt. Umso wichtiger sind staatliche Förderprogramme, etwa für Sportvereine, Klassenfahrten und andere Angebote, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Veröffentlichung des Magazins

Nach zahlreichen langen Nächten und zu vielen Tassen Kaffee hielt ich mein gedrucktes Magazin endlich in den Händen. Ein gutes Gefühl. Ein paar Tage später nahm ich es zu einem Einsamkeitsworkshop der Caritas in Köln mit und verteilte es an die Teilnehmenden vor Ort. „Ich habe mich immer geschämt zu sagen, dass ich mich einsam fühle. Ich habe ja Menschen um mich herum. Es ist schön zu lesen, dass ich damit nicht allein bin“, erzählte mir eine ältere Dame, als ich ihr das Magazin aushändigte. Ich lächelte ihr dankend zu. In dem Moment wirkten all die Nervenzusammenbrüche beim Layouten rückblickend gar nicht mehr so schlimm.

Wer mehr über Einsamkeit erfahren möchte, kann das Magazin „Gemeinsam Einsam“ von Tara Yakar hier lesen.

Tara Yakar ist 22 Jahre alt und hat 2021/2022 einen Deutsch-Französischen Freiwilligendienst in Lorient/Frankreich absolviert. Sie kommt gebürtig aus Hamburg und ist für ihr Studium nach Köln gezogen. „Gemeinsam Einsam“ ist ihr erstes veröffentlichtes Magazin. Inzwischen ist sie Chefredakteurin von www.kulturamagazin.de, einem Online-Magazin für Kultur und Psychologie.

Tara Yakar
Psychologiestudentin und freie Journalistin

Blog "Die Jugend hat das Wort"

Das DFJW gibt jungen Menschen das Wort zu Themen, die ihnen am Herzen liegen. Entdecken Sie ihre Erfahrungen, ihre Ideen und ihre Gedanken.