Gefühlt, ohne zu verstehen

Wir waren Teenager. Zwillinge, die so sein wollten wie die Großen der HipHop-Golden-Ära: Samy Deluxe, Curse, Freundeskreis. Nas, Jay-Z oder Talib Kweli. Schon damals lief auch französischer HipHop in unseren Decks: Wir feierten Saïan Supa Crew, IAM oder NTM. Auch ohne zu verstehen, was sie texteten.  

Unsere Anfänge waren holprig. Doch die Wucht der Wörter und der Beats hat uns umgepustet. Da steckten so viel Energie, Poesie und Rebellion drin. Das wollten wir auch können.  

Bücher voller Reime  

Nach Freestyle-Runden kamen Recording-Sessions. Damals auf Kassetten. Dann brannten wir eigene CDs. Traten vor Freund:innen auf. Dann bei kleinen Festen. Und schrieben ganze Bücher voller Reime, Parts und Songtexten.  

In der Schule wurde flankierend unser Feuer für Französisch geweckt. So eine schwierige Sprache, aber so schön zugleich. Was wir im Unterricht lernten, konnten wir im Urlaub an der Ardèche und auf Korsika anwenden. Traumhaft. Doch die Texte unserer French-Rap-Helden verstanden wir immer noch kaum.

Premiere im Pub

Also war klar: Nach dem Abi mussten wir nach Frankreich. Sprachlich besser werden. Das Land verstehen. Eintauchen in die Kultur zwischen Eiffelturm und Banlieue, Savoir-vivre und Straßendemos, Chirac und Zizou. Durch Kontakte aus der Partnerstadt Offenburg landeten wir für ein knappes Jahr eher zufällig in Lons-le-Saunier, gelegen zwischen Lyon und Besançon. Wir knüpften Kontakte zu Musikern vor Ort. Spielten unsere erste Show auf französischem Boden im Pub Irlandais. Und schrieben dafür unseren ersten eigenen Song in der Sprache Molières. Es war anders, aber es funktionierte. Und sprühte Funken. 

Unsere erste Rapcrew Buddah Woofaz veröffentlichte schon damals Tracks in zwei Sprachen. Den französischen Part übernahm ein Franzose. Die deutschen Teile wir. Das änderte sich nach unserem langen Frankreichaufenthalt. Warum es nicht selbst probieren? Jetzt hatten wir das Level. Sprache und Musik kennen keine Grenzen – wir auch nicht. Unser erster eigener zweisprachiger Song hieß „Grenzgänger/Frontalier“. Ein Meilenstein unseres Schaffens.

„Bollwerk gegen Gleichgültigkeit“

Das war 2005. Zwanzig Jahre später stehen wir im Schloss Bellevue. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht uns das Bundesverdienstkreuz. Ehrt uns als „Bollwerk gegen die Gleichgültigkeit“. Wir sind überwältigt. Müssen erstmal verarbeiten, was ein solch krasser Orden eigentlich bedeutet. 

In zwei Dekaden haben wir offenbar ein paar Dinge hinbekommen, die Menschen bewegen. Sind es unsere mehrsprachigen Songs? Sind es Tourneen quer durch die Welt – von Europa bis nach Afrika und Asien? Sind es Tracks zu Themen, die wehtun? Rassismus, Kriege, Klimawandel, Ausgrenzung und Mauern? Oder sind es die Projekte, die Brücken bauen? Songwriting-Workshops mit jungen Menschen zu Sprache und Demokratie? Konzerte auf Bergspitzen, in der rollenden Grenzgänger-Tram oder auf einem Straßburger Schiff? 

Vor 35.000 Menschen

Oder ist es vielleicht doch der binationale Songcontest École du Flow, eine Kooperation mit dem DFJW, bei dem in sieben Jahren rund 10.000 junge Menschen mitgemacht haben, die sagen: „Das sind die besten Französischstunden unseres Lebens.” Oder sind es Straßenguerilla-Aktionen wie die „Fill the Bottle Challenges” oder ein Auftritt bei der Anti-Rechtsruck-Demo vor 35.000 Menschen in Freiburg?  

Beantworten kann uns das niemand. Uns bleibt der Glaube: Musik kann die Welt verändern. Die Wucht, die wir als Teenies gefühlt haben, ist noch immer da. Magische drei Minuten. Ein Song. Das kann Berge versetzen. Beats bauen Brücken. Texte mit Tiefgang entfachen Feuer. Mehrsprachigkeit ist Vielfalt und Verbindung. Auch ohne alles zu verstehen, kann man das fühlen. Und fliegen wie ein Mauersegler: schwerelos über alle Grenzen hinweg. Dabei eine Welt entdecken, die so schön, friedlich und vereint sein kann, wie wir sie uns erträumen.

Konto im Minus

Aus der Leidenschaft ist ein Beruf geworden. Aus den spontanen Sessions ein vollgepackter Kalender zwischen Terminplanung, Förderanträgen, Rechnungen, Kommunikationsoffensiven und Networking. Die Zeit für Kreatives ist oft rar, wenn man von der Musik leben möchte. Auch mit zahlreichen Preisen ist das Ringen um Aufträge, stabile Gagen, schöne Säle und außergewöhnliche Projekte enorm. Der Frust, wenn etwas nicht klappt, ist groß. Oder wenn das Konto mal wieder ins Minus rutscht, weil man Tausende Euro in Vorkasse ist und zu wenig reinkommt.  

Als eingespielte Doppelspitze geht’s weiter. Irgendwie. Ist einer am Boden, zieht der andere ihn hoch. Und andersrum. Wir treiben uns als Zwillinge gegenseitig an. Machen uns Mut. Streiten erfolgreich. Und ergänzen uns. Ein Leben als Künstler auf, zwischen und über Grenzen. In zwei Welten, auf beiden Rheinseiten. Mit tiefen Tälern und tausenden tollen Momenten auf der Bühne, im Klassenzimmer oder im Studio. Da treffen wir faszinierende Menschen, teilen Leidenschaften und fühlen den Flow, der uns verbindet

Kritisch beäugt

Egal ob in Bamako, Kunming, Kiew oder Nouakchott. Musik ist Weltsprache. Und HipHop ist ein wortgewaltiger Teil davon. So bunt wie ein Regenbogen. So wild wie ein Boxkampf. So verspielt wie ein Schmetterling in der Abendsonne. Ja, manchmal auch unausstehlich. Aber im besten Falle einfach nur grandios.  

Dass wir auf zwei Sprachen rappen, wird auch kritisch beäugt. Warum so kompliziert? Warum so viele große Themen? Warum so vielschichtig? Ist das nicht alles nur Strategie, um anzukommen? Arbeitet ihr für die EU? Doppel-Nein. Den Adenauer-de-Gaulle-Preis haben wir im französischen Außenministerium bekommen, nachdem wir „Fessengau (Stop Fessenheim)“ veröffentlicht haben. Unsere rote Karte für den Schrottmeiler im Elsass. Ein Affront für die französische AKW-Politik. Das Bundesverdienstkreuz haben wir erhalten, obwohl wir die Migrationspolitik der aktuellen Regierung scharf kritisieren – selbst als die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser in der ersten Reihe saß.  

630 Millionen Sekunden

Wir nennen das „Positive Rebellion“. Kritisch, kreativ, konstruktiv. Wir wollen anstiften zum Einmischen. Menschen aufrütteln. Sie ermutigen, einzustehen für Dinge, die ihnen wichtig sind. Zu Demos zu gehen, Ideen einzubringen und umzusetzen. Die Welt auf ihre Art verändern. Ganz im Sinne von Résistance-Kämpfer und Bestseller-Autor Stéphane Hessel: Indignez-vous !. Empört Euch! Das tun wir in Songs. Und leben es auf unsere Art und Weise.  

Wenn das Menschen inspiriert, hat sich jede Minute in diesen 20 Jahren gelohnt. Insgesamt sind das rund 630 Millionen Sekunden. Auch wenn das eine Menge ist. Für das Bundesverdienstkreuz ist es gefühlt etwas früh. Wir nehmen den Orden wahr als eine Auszeichnung für ein Lebenswerk. Sind aber erst im Frühsommer unseres Schaffens. Ein Blick auf die Krisenherde unserer Welt zeigt doch deutlich: Engagement über Grenzen ist gefragter denn je.  

Manche tun das, indem sie Häuser bauen. Andere bauen Panzer. Wir bauen Tracks. Brücken aus Melodien und Messages, um die Welt ein kleines bisschen friedlicher zu machen. 

Zweierpasch gehen über Grenzen. Mit ihrem rebellischen HipHop prägt die Band um die Zwillinge Felix und Till die Szene auf ihre eigene Weise. Ihr Engagement nennen sie Positive Rebellion: kritisch, kreativ, konstruktiv.

Zweierpasch
Deutsch-französischer HipHop

Blog "Die Jugend hat das Wort"

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