Woher rührt diese Verbundenheit mit Deutschland?
Josie Mély: Meine erste Begegnung mit Deutschland geht auf die Städtepartnerschaft zwischen meiner Heimatstadt Saint-Étienne/Loire und Wuppertal zurück. Wenn ich heute erzähle, dass ich Deutschland durch meinen Aufenthalt in Wuppertal lieben gelernt habe, bekomme ich oft die Antwort: „Na ja, ehrlich gesagt, als Stadt … Abgesehen von der Schwebebahn!“ Für mich war es jedoch ganz außergewöhnlich.
In der 10. Klasse nahm ich im Rahmen der Städtepartnerschaft an meinem ersten Schulaustausch teil. Ich wohnte bei einer deutschen Familie, die viel wohlhabender war als meine. Zum ersten Mal hatte ich ein eigenes Zimmer. Meine Brieffreundin und ihre Schwester hatten einen Partykeller … Es war also ganz anders als mein Leben in Saint-Étienne. Das war mitentscheidend für meine Faszination für Deutschland. Dort habe ich auch ein völlig anderes Schulsystem kennengelernt. Es gab keinen Frontalunterricht, wie man ihn in Frankreich kannte. Für mich war Deutschland das Land der großen Freiheit, was Schule und Jugend betraf.
Allerdings war ich in Deutsch nicht besonders gut. Aber nach diesem Austausch hat sich alles verbessert. Zu Schulbeginn fragte mich meine Lehrerin, die immer noch dieselbe war: „Was ist denn mit dir passiert?“ Ich antwortete: „Schuldeutsch ist nicht wirklich das Deutsch, das man im Alltag spricht.“ Sie war ein bisschen gekränkt.
Wie hat diese erste Erfahrung in Deutschland Ihren weiteren Werdegang beeinflusst?
Josie Mély: Danach beschloss ich, Deutsch zu studieren. Ich wollte aber auf keinen Fall Lehrerin werden. Ich mag das Sprechen und Schreiben gleichermaßen. Deshalb entschied ich mich für ein Studium zur Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin. Kurz nach meinem Abitur ging ich an die Universität Heidelberg. Das dortige Dolmetscher-Institut hatte einen guten Ruf. Dort schloss ich 1972 mein Studium in Französisch, Deutsch und Englisch ab. Damals wurde mein Abschluss in Frankreich nicht anerkannt: Erasmus gab es noch nicht!
Es war schwierig, von Heidelberg aus eine Karriere als Dolmetscherin zu beginnen. Deshalb habe ich die Aufnahmeprüfung für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) – heute als Europäische Union bekannt – in Brüssel abgelegt. Ich habe sechs Monate als festangestellte Dolmetscherin gearbeitet und anschließend bis 1981 als freiberufliche Dolmetscherin für verschiedene europäische Institutionen. Diese Erfahrung ist der Grund dafür, dass ich nach wie vor überzeugte Europäerin bin und mich weiterhin für die europäischen Institutionen einsetze, die so oft kritisiert werden.
Ihr europäisches Engagement beschränkt sich nicht allein auf die institutionelle Ebene de Europäischen Union. Sie waren insbesondere an der Gründung des deutsch-französischen Senders ARTE beteiligt. Wie haben Sie dieses Abenteuer erlebt?
Josie Mély: Die Verhandlungen zur Gründung von ARTE begannen 1990, im Anschluss an einen Beschluss des deutsch-französischen Gipfeltreffens von 1986, das ausnahmsweise einmal der Kultur und nicht der Wirtschaft gewidmet war.
Ich musste die Gespräche mit den offiziellen Stellen und den deutschen Sendern dolmetschen. Es war nicht immer einfach, den Franzosen die Besonderheiten des deutschen Rundfunks zu erklären, der durch den Föderalismus und die Kulturhoheit der Länder geprägt ist. Und dass Helmut Kohl nicht die Macht hatte, bestimmte Situationen zu klären! Da ich neben Sprachen auch deutsches Verfassungsrecht in Heidelberg als mein Spezialgebiet studiert hatte, fiel es mir leichter, all diese interkulturellen Fragen zu erläutern, die mich schon immer fasziniert haben. Anschließend war ich 25 Jahre lang Referentin bei ARTE France, dem französischen Zweig von ARTE.
Die Interkulturalität im deutsch-französischen Kontext lief damals – und läuft auch heute noch – zu einem großen Teil über das DFJW. Wie kam es zu Ihrem ersten Kontakt mit dem DFJW?
Josie Mély: Ich erinnere mich sehr lebhaft an meine erste Begegnung mit dem DFJW, die Ende August 1968 in Villefranche-sur-Mer stattfand. Ursprünglich handelte es sich um eine Kunst- und Kulturbegegnung, die am Meer in einer eher ungezwungenen Atmosphäre geplant war. Doch wir wurden von den aktuellen Ereignissen eingeholt: Das Jahr 1968 war geprägt von den Studierendenbewegungen in Deutschland und Frankreich sowie vom Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei. Wir haben daher sehr viel über Politik gesprochen. Es ging nicht mehr nur um eine deutsch-französische Perspektive, sondern um eine wirklich europäische.
Was hat Sie an dieser Organisation besonders gereizt und Sie dazu bewogen, später enger mit ihr zusammenzuarbeiten?
Josie Mély: Ich fand es interessant, dass ich meine Erfahrung als professionelle Dolmetscherin in Vereinen einbringen konnte. Ab 1974 war ich beim DFJW als Dolmetscherin, Übersetzerin und Teamerin tätig. Insbesondere leitete ich gemeinsam mit anderen die Fortbildungen zum Gruppendolmetschen und übersetzte die Forschungstexte des Referats IV. Dort traf ich herausragende Soziologen, Philosophen und Forschende, die aus interkultureller Sicht wichtige Texte für das DFJW verfassten. Besonders beeindruckt hat mich, dass die Programme die große soziale Vielfalt der betroffenen jungen Menschen widerspiegelten: Arbeiter, Landwirte, Beamte, Gewerkschafter, Musiker, Künstler usw.
Welche Erinnerungen sind Ihnen aus all den Jahren Ihres Engagements beim DFJW besonders in Erinnerung geblieben?
Josie Mély: Unter den Höhepunkten, die das DFJW nach der deutschen Wiedervereinigung geprägt haben, erinnere ich mich insbesondere an ein Treffen, an dem „Ossis“ und „Wessis, also junge Menschen aus Ost- und Westdeutschland, und Franzosen teilnahmen. Erstaunlich war, dass es manchmal mehr Gemeinsamkeiten zwischen den ehemaligen Bürgern der DDR und denen aus Frankreich gab, insbesondere in ihrer Einstellung zum Staat oder zu einem stärker reglementierten Schulsystem als in der BRD. Es bildeten sich zwischen den Ossis und den Franzosen viel einfacher kleine Allianzen, als dass eine echte Solidarität unter den jungen Menschen des wiedervereinigten Deutschlands entstand.
Ich habe auch sehr lebhafte Erinnerungen an die großen institutionellen Meilensteine in der Geschichte des DFJW. Ich habe im Laufe der Jahre an so vielen Veranstaltungen teilgenommen und so viele DFJW-Kappen und -Hüte gesammelt, dass ich einen Hutladen aufmachen könnte! Ich erinnere mich insbesondere an den 30. Geburtstag des DFJW im Jahr 1993 im Hôtel de la Monnaie in Paris, an dem Helmut Kohl und François Mitterrand teilnahmen. Es war das erste Mal, dass ich den Bundeskanzler persönlich sah, mit seiner imposanten Statur.
Im Oktober desselben Jahres traf ich Angela Merkel. Sie war damals Bundesjugendministerin und zum ersten Mal beim DFJW in Paris, oder zumindest glaube ich, dass es ihr erster Besuch war. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie im Innenhof vor den Bediensteten eine kurze Rede hielt. Sie war recht schüchtern und bescheiden. Damals war sie noch „das Mädchen“, wie Helmut Kohl sie nannte.
Wegen des DFJW wäre ich sogar fast ums Leben gekommen! Ich habe die Überschwemmung von Vaison-la-Romaine im Jahr 1992 überlebt. Wir werteten dort die Fortbildungen zum Gruppendolmetschen in einem Gebäude nahe dem Campingplatz aus. Letzterer wurde schwer beschädigt. Glücklicherweise fand unser Programm an diesem Tag auf dem Hügel statt. Wir sahen, wie der Fluss über die Ufer trat. Jedes Mal, wenn es irgendwo zu Überschwemmungen kommt, denke ich daran zurück und sage mir: „Ach, das war wieder so eine DFJW-Erinnerung!“
Sie haben die Entwicklung des DFJW und der deutsch-französischen Beziehungen über mehrere Jahrzehnte hinweg mitverfolgt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Josie Mély: In gewisser Weise war ich tief am institutionellen Geschehen des DFJW beteiligt. Als Dolmetscherin war ich bei Vorbereitungs- und Nachbereitungstreffen sowie bei Haushalts- und Planungssitzungen im Einsatz und hatte somit direkten Einblick in das dortige Geschehen. Ich nahm vor allem an den Jahrestreffen der Austausch- und Fremdsprachenreferenten und den Jugendbeauftragten für Vereinswesen und Freizeit teil. Das waren zwar keine großen internationalen Gipfeltreffen, aber es handelte sich um wichtige Begegnungen für die Ausrichtung des DFJW.
Heute fehlen uns intellektuelle Persönlichkeiten, große Historiker und Politologen, die eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich schlagen. Menschen wie Alfred Grosser, Joseph Rovan und viele andere. Ich glaube, dass unsere französischen Staatschefs – von de Gaulle über Mitterrand bis hin zu Chirac und Giscard – eine aufrichtige Verbundenheit mit der deutsch-französischen Partnerschaft hatten. Ich habe nicht immer den Eindruck, dass dies heute noch der Fall ist.
Warum?
Josie Mély: Ich würde sagen, dass die deutsch-französischen Beziehungen gerade keine besonders glänzende Phase durchlaufen. Wenn die Medien über Deutschland berichten, geschieht dies fast ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. In anderen Bereichen wird der BRD nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Insbesondere in Sachen Umweltschutz. Dabei begann ich mich in den 1970er Jahren in Deutschland für Umweltfragen zu interessieren. Was die Kultur angeht, so taucht sie nur anlässlich großer Veranstaltungen oder Festivals auf. Das Interesse ist nicht von Dauer. Mein geliebter Sender ARTE ist da eine Ausnahme. Er berichtet nicht nur über Politik, Geschichte und Wirtschaft, sondern auch über Malerei, Kunst, Kultur, Gesellschaft und vergleicht mit der subtilen Sendung „Karambolage“ unser Alltagsleben!
Auch das Interesse an Deutschland hat nachgelassen, vor allem bei jungen Menschen, was auf den katastrophalen Rückgang des Deutschunterrichts zurückzuführen ist. Dem Französischen ergeht es in Deutschland nicht viel besser. Heute, mit all den Reisemöglichkeiten und den Veränderungen im Sprachenlernen, hat sich die Situation für junge Menschen in Europa stark gewandelt.
Welche Botschaft möchten Sie den jungen Generationen vermitteln, die im heutigen Europa aufwachsen?
Josie Mély: Ich ermutige junge Menschen, selbstständig zu denken und nicht blindlings der künstlichen Intelligenz oder den sozialen Netzwerken zu vertrauen. Ich möchte sie auch dazu einladen, sich wirklich für andere Sprachen zu interessieren. Allzu oft kommunizieren wir in einem ungenauen Englisch, in „Globish“, obwohl das, was über das Englische vermittelt wird, nicht immer genau die Nuancen widerspiegelt, die wir eigentlich vermitteln möchten. Diese sind jedoch sehr wichtig und sogar entscheidend für die interkulturelle Kommunikation.
Was mich sehr traurig stimmt, ist, dass es heute, wenn von Europa die Rede ist, vor allem um Wirtschaft oder Krieg geht. Krieg, Krieg, Krieg.
Ich gehöre einer Generation an, in der die meisten meiner deutschen Kommilitonen Kriegsdienstverweigerer waren. Wenn ich heute also höre, wie über die Aufstockung der Streitkräfte oder über Rüstungsausgaben diskutiert wird, bin ich ratlos.
Deshalb finde ich es besonders wichtig, dass das DFJW seine Arbeit im Bereich der politischen Bildung und der Geschichtsvermittlung fortsetzt. Programme zur Erinnerungskultur, gemeinsame Besuche von Orten wie Buchenwald oder die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Welt erscheinen mir unverzichtbar. Ich hoffe aufrichtig, dass dieses Engagement fortgesetzt wird.
Da Sie Ihre Hoffnungen für die Zukunft des DFJW ansprechen und anlässlich seines 63. Geburtstags: Welche weiteren Wünsche möchten Sie der Organisation mit auf den Weg geben?
Josie Mély: Ich wünsche dem DFJW vor allem ein langes Bestehen. Das DFJW diente vielen anderen Kooperationsstrukturen als Vorbild – sei es dem Französisch-Quebecischen Jugendwerk (OFQJ) oder anderen Initiativen, die sich an seiner Arbeitsweise orientieren.
Ich hoffe, dass das DFJW die trilateralen Begegnungen weiter ausbauen wird. In einem von Spannungen und Konflikten geprägten internationalen Kontext sind diese Austauschprogramme wichtiger denn je.
Deshalb möchte ich sagen: Es lebe Europa, es leben die besonderen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern – ohne dabei jemals die anderen zu vergessen – und mögen unsere Regierungen dieser großartigen Organisation weiterhin die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann.