Das DFJW präsentiert Ihnen heute das 1. Analysethema:

#1 In weiter Ferne, so nah: Potenzial und Herausforderungen der ostdeutsch-französischen Kooperation

CLAIRE DEMESMAY

Die östlichen Bundesländer sind stärker von Unterschieden geprägt, als es der Begriff „Ostdeutschland“ nahelegt, doch in Bezug auf Frankreich haben sie zwei Gemeinsamkeiten, die sie von Westdeutschland unterscheiden: zum einen die geografische Entfernung, die sie immerhin noch mit einigen anderen Regionen Norddeutschlands teilen; zum anderen das Fehlen der dichten Netzwerke und langen Traditionen, die den deutsch-französischen Austausch in den alten Bundesländern prägen.

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Auf einen Blick

Schwache Präsenz Frankreichs
Gemessen an der Zahl französischer Staatsangehöriger (langjährige Aufenthalte und Wohnsitz, Studium, Tourismus) und französischer Unternehmen und Investitionen fällt Frank-reichs Präsenz in den östlichen Bundesländern schwach aus. In beiden Bereichen liegt das Ost-West-Verhältnis bei etwa 5 zu 95 Prozent. Dies entspricht bei Weitem nicht dem demografischen Verhältnis innerhalb Deutschlands.

Potenzial nutzen
Der institutionalisierte Austausch wurde vor dreißig Jahren auf den Osten ausgeweitet, doch er wird in den verschiedenen östlichen Bundesländern in unterschiedlichem Ausmaß umgesetzt. Insgesamt könnten die Möglichkeiten, die sich aufgrund der Förderung der Partnersprache in Schulen und an Universitäten sowie der Pflege von Partnerschaften zwischen Gebietskörperschaften ergeben, besser genutzt werden. Dies würde die Chancen der Jugendlichen in Ostdeutschland zu interkulturellen Erfahrungen, Persönlichkeitsentwicklung und Berufsqualifizierung erhöhen.

Unterrepräsentation junger Menschen aus dem Osten
Auch bei Jugendbegegnungen, wie sie vom Deutsch-Französischen Jugendwerk gefördert werden, sind Teilnehmende aus den östlichen Bundesländern stark unterrepräsentiert. Ausgerechnet der Anteil junger Menschen mit be-sonderem Förderbedarf fällt verhältnismäßig niedrig aus, und dies, obwohl strukturschwache Regionen im Osten nicht selten sind. Das
liegt vor allem an der geografischen Entfernung von Frankreich und an der geringen Ausbreitung des Multiplikator:innen-Netzwerkes.

Spezifische Formate
Aufgrund der Besonderheiten des deutschen Ostens kann der Austausch zwischen ostdeutschen und französischen Jugendlichen nicht die exakt gleichen Wege gehen, die Frankreich und Westdeutschland seit Jahrzehnten beschreiten. Spezifische Formate sind nötig, die den Lebenserfahrungen und Bedürfnissen der Jugendlichen im Osten gerecht werden. Dazu gehören die Fokussierung auf die Interessenverwandtschaft von deutschen und französischen Teilnehmenden, eine Betreuung, die gezielt auf den Abbau von sprachlichen und kulturellen Berührungsängsten setzt, sowie trilaterale Begegnungsformate beispielsweise mit Osteuropa und Südosteuropa.

Passende Strukturen
Um ein „Ökosystem“ entstehen zu lassen, müssen die passenden Strukturen weiterentwickelt werden. Im zivilgesellschaftlichen Bereich der Jugendbegegnungen wäre es angebracht, das Netzwerk „Diversität und Partizipation“ des DFJW auf alle östlichen Bundesländer zu erweitern, um Teilnehmende mit besonderem Förderbedarf besser anzusprechen. Im wirtschaftlichen Bereich ist das Projekt eines deutsch-französischen Wirtschaftsclubs im Osten Deutschlands vielversprechend.

Für eine gemeinsame Frankreich-Strategie
Bei alldem spielt öffentliches Handeln auf verschiedenen Ebenen eine entscheidende Rolle. Dies gilt zuerst für die Partnerschaften zwischen ostdeutschen und französischen Gebietskörperschaften, die flächendeckend gestärkt und mit Leben gefüllt werden sollten. Außerdem ist die Unterstützung von Akteuren der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Verwaltung von zentraler Bedeutung für den außerschulischen Austausch. Nicht zuletzt wäre die Einführung einer offensiven Förderung der französischen Sprache im Rahmen einer gemeinsamen Frankreich-Strategie der östlichen Bundesländer ein erheblicher Gewinn für den Osten Deutschlands und für die deutsch-französische Zusammenarbeit insgesamt.

 Claire Demesmay leitet das Referat „Interkulturelle Aus- und Fortbildung” des Deutsch-Französischen Jugendwerks und ist Assoziierte Forscherin des Zentrum Marc Bloch in Berlin. Sie hat unter anderem Idées reçues sur l’Allemagne (Le Cavalier bleu, 2018) und Franco-German Relations Seen from Abroad. Post-war Reconciliation in International Perspectives (Springer, 2021, dir. avec Nicole Colin) veröffentlicht.

Datei
panorama-papers-in-weiter-ferne-so-nah-potenzial-und-herausforderungen-der-ostdeutsch-franzosischen.pdf