Enseignement précoce des langues
In der Schule des anderen unterrichten:
Gekreuzte Blicke von Lehrern aus
Deutschland und Frankreich

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55 große und kleine Unterschiede : eine Entdeckungsreise

Die französische Grundschule aus der Sicht eines deutschen Lehrers

Ignorance est mère de tous les maux.
(FranVois Rabelais)

Wenn französische und deutsche Lehrer zusammensitzen, um über Unterricht, Schule und Pädagogik zu debattieren, gibt es ein rätselhaftes Phänomen, das mit fast naturgesetzlicher Regelmäßigkeit auftritt. Zunächst wird locker diskutiert, jeder versucht, witzig zu sein, und alle finden sich sympathisch.
Doch dann kommt plötzlich jener kritische Moment, wo sich die Seminargruppe jäh in Deutsche und Franzosen aufspaltet. Der Ton wird rauher, die Atmosphäre gespannter, die Gesichter röten sich, eine Belehrung folgt der anderen, man zitiert Rousseau und Nietzsche, Descartes und Luther. Die Diskussion endet schließlich ziemlich sicher bei Napoleon und Hitler. Meist ist eine lächerliche Kleinigkeit der Auslöser der Spannungen, z.B. eine Bemerkung über die Sitzordnung in französischen Klassenzimmern oder ein Kommentar über essende Schüler in deutschen Klassenzimmern
Besorgt denken alle : „Hoffentlich ist bald Pause !“ Und siehe da : irgend jemand in der Runde bemerkt endlich, daß es Zeit fürs Abendessen ist. Alle atmen auf. Nach dem Essen ertränken die Lehrerinnen und Lehrer das Spannungserlebnis mit Bier, Wein oder Schnaps.
Am nächsten Tag diskutieren alle wieder sympathisch miteinander, wie Vögel, die nach dem Gewitter zwitschern, als wenn nichts gewesen wäre.
Woher kommt dieses Phänomen? Warum tritt es immer wieder bei Lehrern und beim Thema „Schule“ auf? Und warum ausgerechnet bei Lehrern aus Deutschland und Frankreich?


Schule und Identität

Ich glaube, daß Schule viel mit persönlicher und kultureller, ja nationaler Identität zu tun hat: In der Schule waren wir alle. Die Schule hat uns ausnahmslos entscheidend geprägt. Was wir in der Schule erlebt und erfahren haben, begleitet uns ein Leben lang. Viele sagen, daß selbst in hohem Alter Schulerinnerungen plastisch und deutlich artikuliert werden.
Unsere Schulbiographie hat entscheidenden Einfluß auf unsere berufliche Laufbahn gehabt. Die Schule hat uns mit dem wichtigsten Symbolsystem unserer Kultur, der Schrift, vertraut gemacht. Sie hat unser Verhältnis zur Schriftsprache bestimmt und uns die Grundkonstellation der Geschichte des eigenen Landes vermittelt.
Beim Thema „Schule“ sind wir also alle befangen und voreingenommen. Lehrer sind dabei doppelt belastet : als ehemalige Schüler und als Vermittler der schulischen Sozialisation der nachfolgenden Generation.


Zwei Welten im Schulalltag

Man ist sich weitgehend einig, daß die Grundschule Basiswissen vermittelt in den Bereichen Lesen, Schreiben und Rechnen. Ich bin nach meinem Frankreich-Aufenthalt der festen Überzeugung, daß die Fähigkeiten und Fertigkeiten eines 9jährigen französischen Schülers im großen und ganzen den Fähigkeiten und Fertigkeiten eines deutschen Schülers gleichen Alters entsprechen. Die Niveau-Unterschiede dürften nur graduell sein.
Trotzdem sind die Unterschiede im Schulalltag riesengroß. Man könnte behaupten, es liegen Welten zwischen dem deutschen und französischen Schulsystem.
Während meines 2jährigen Aufenthalts in Frankreich habe ich praktisch alle 14 Tage in der Schule etwas entdeckt, was anders ist als in Deutschland. Am Schluß hatte ich 55 Unterschiede notiert, große und kleine, wichtigere und unwichtigere. Alles in allem macht ein Auslandsaufenthalt, verbunden mit Unterrichtstätigkeit an einer Schule des Gastlandes, eine Selbstverständlichkeit klar : Jedes nationale Schulsystem hat seine eigene innere Logik, seine geschichtlichen Wurzeln und bildungspolitischen Begründungen. Das Modell des Heimatlandes kann nicht identisch sein mit dem Modell des Gastlandes.
Was ist nun anders in den Schulen des Gastlandes Frankreich ?


Zentralismus
Es gibt in Frankreich 96 Départements, 22 Regionen, aber nur einen einzigen Erziehungsminister, der landesweit für das Schulwesen zuständig ist (Unterschied Nr. 1). Will eine französische Familie also von einer Ecke des Landes in die andere umziehen, kann sie sich darauf verlassen, daß die Kinder aller Regionen Frankreichs nach demselben Programm unterrichtet werden (Nr. 2).


Vorschule und Grundschule
Die Grundschule umfaßt 5 Jahrgänge, dauert also 1 Jahr länger als bei uns (Nr. 3). Sie ist die Fortsetzung der „Ecole maternelle“, die nicht verpflichtend, aber gratis für die 3-6jährigen Kinder ist. Die Akzeptanz der „Ecole maternelle“ ist ausgesprochen hoch : praktisch alle Kinder Frankreichs besuchen sie.
Das Vorschulwesen ist also wesentlich übersichtlicher und sozialer (weil gratis) als in Deutschland organisiert (Nr. 4). Die „Ecole maternelle“ ist mit unseren Kindergärten nur bedingt vergleichbar. Es arbeiten dort keine Erzieherinnen und Erzieher, sondern ausgebildete Lehrer, die auch an der normalen Grundschule unterrichten können (Nr. 5).


Ganztagsschule
Die „Ecole maternelle“ und die „Ecole primaire“ sind Ganztagsschulen (Nr. 6). Eine Halbtagsschule wie in Deutschland ist in Frankreich undenkbar. „Was um Himmels willen passiert mit den Kindern nachmittags bei euch ?“ fragen französische Lehrer regelmäßig verstört, wenn sie in Deutschland zu Besuch sind. „Wer kümmert sich um sie ?“
Daß in Deutschland viele Mütter von Grundschulkindern nur halbtags oder gar nicht arbeiten, wird in Frankreich als verschleierte Arbeitslosigkeit und soziale Benachteiligung der Frauen gesehen. Man wird beispielsweise an einem Montagnachmittag um 15.30 Uhr kein französisches Kind im Grundschulalter auf der Straße sehen. Alle sind in der Schule. Diese Nachmittagsbetreuung der Schulkinder läßt den französischen Müttern und Vätern die Möglichkeit, eine stabile Berufsperspektive zu entwickeln.
Da die Schule Ganztagsschule ist, fangen alle Kinder einer Schule zur selben Uhrzeit an und hören zur selben Uhrzeit auf, ob sie nun Erst- oder Fünftklässler sind (Nr. 7). Eine Differenzierung der Stundenverpflichtungen nach dem Alter der Kinder existiert nicht.
Wegen der Berufstätigkeit der Eltern muß auch für eine Kantine und Betreuung in der Mittagspause gesorgt werden (Nr. 8).
Da der Stundenplan für die Eltern absolut verläßlich sein soll, gibt es in Frankreich kein „Hitzefrei“ (Nr. 9) und keinen verkürzten Unterricht vor den Ferien (Nr. 10). Wenn ein Lehrer von einem Ausflug früher zurückkommt, als das normale Unterrichtsende es vorsieht, muß er die Kinder bis zum vorgesehenen Unterrichtsschluß aus Aufsichtsgründen noch in der Schule behalten (Nr. 11).


Vertretungsregelung bei Krankheit und Fortbildung

Was passiert bei Krankheit des Lehrers? Wird der Lehrer krank, darf deshalb kein Unterricht ausfallen (Nr. 12). Meines Wissens sind 7 Prozent aller Lehrerstellen sogenannte Vertretungslehrerstellen. Im Krankheitsfall werden die Vertretungslehrer vom Schulrat an die betroffenen Schulen geschickt und übernehmen die gesamte Unterrichtsarbeit des erkrankten Klassenlehrers. Dies gilt übrigens auch bei Abwesenheit wegen Fortbildung (Nr. 13). Die notorischen Diskussionen in Deutschland über Unterrichtsausfall und Stundenkürzungen sind in Frankreich unbekannt.
Die Fortbildungslehrgänge der Lehrer sind teilweise wesentlich länger als in Deutschland, bis zu 5 Wochen (Nr. 14). In die Vertretung werden in diesem Fall auch Studenten des Lehramts einbezogen, deren praktische Unterrichtsfähigkeiten so schon während des Studiums beurteilt werden können (Nr. 15).


Ausbildung
Lehrerarbeitslosigkeit wie in Deutschland ist in Frankreich unbekannt. Es werden nur so viele Studenten zum Lehrerstudium zugelassen, wie freie Posten zu erwarten sind. Die Zulassung zum Studium erfolgt über einen Auslesewettbewerb (Nr. 16).
Der französische Lehrer ist stolz auf seine „Polyvalence“, er unterrichtet also alle Fächer (Nr. 17), weil er ja den ganzen Tag mit den Kindern seiner Klasse zusammen ist.
Musik und Sport sind Stiefkinder der französischen Grundschulen, weil das Fachlehrersystem nicht existiert (Nr. 18).


Schulrat
Der Schulrat hat ein stärkeres Gewicht als in Deutschland. Alle Lehrer werden regelmäßig im Unterricht besucht und beurteilt (Nr. 19). In gewissen Grenzen ist die Besoldung leistungsbezogen. Wie schnell man die nächste Gehaltsstufe erreicht, hängt nämlich von der Beurteilung des Schulrats ab (Nr. 20).
Zur fachlichen Beratung der Lehrer gibt es bei den Schulämtern Fachberater, ehemalige Lehrer, die vom Unterricht gänzlich freigestellt sind und Innovationsaufgaben haben (Nr. 21).


Evaluation, Zeugnisse, Benotung, Religion
Zweimal während der Grundschulzeit wird eine landesweite Evaluation der Leistungen in Französisch und Mathematik durchgeführt (Nr. 22). Man kann über die Aussagekraft dieser Tests geteilter Meinung sein. Immerhin werden Fähigkeiten und Kenntnisse der Grundschulkinder von ganz Frankreich regelmäßig überprüft.
Alle Kinder der Grundschule erhalten 3mal im Jahr Zeugnisse mit Ziffernnoten von 1 bis 10 und verbaler Beurteilung (Nr. 23).
Das Fach Religion wird an französischen Schulen nicht unterrichtet (Nr. 24), weil sich Frankreich als laizistisches Land versteht (Ausnahme : Elsaß-Lothringen). Dafür kommen Lehrer und Schüler in den Genuß des freien Mittwochs (Nr. 25), der ursprünglich ein Zugeständnis an die Kirchen zur religiösen Unterweisung der Kinder war.


Größe der Schulen
Die französischen Grundschulen sind in der Regel kleiner als deutsche Grundschulen. Mehr als 2 Jahrgangsklassen sind selten (Nr. 26). Die Klassenfrequenzen sind jedoch in der Regel höher (Nr. 27). Ich habe einige Klassen mit mehr als 30 Schülern erlebt.
Weil die Schulen klein sind, gibt es kein Sekretariat (Nr. 28). Der Direktor der Schule ist Lehrer und Sekretär in einem. Meist hat er das Schultelefon in seiner Klasse stehen. Seine Kompetenzen sind eher administrativer Natur, sein Gehalt nur geringfügig höher als das der anderen Lehrer, seine Stundenentlastung minimal (Nr. 29). Es kann vorkommen, daß der Briefträger dem Direktor die Post direkt ins Klassenzimmer bringt.


Situation der Lehrer
Die französischen Lehrerinnen und Lehrer haben das Streikrecht (Nr. 30). Ihr Gehalt ist niedriger als das der deutschen (Nr. 31), dafür haben sie Anspruch auf eine Dienstwohnung der Kommune (Nr. 32) oder eine entsprechende Entschädigung. Viele Lehrer verdienen sich bei den „Cours particuliers“ etwas dazu, das sind Hausaufgabenhilfe-Stunden nach dem Unterricht, die von der Kommune oder den Eltern bezahlt werden (Nr. 33).
Ein französischer Grundschullehrer behält seine Klasse nur 1 Jahr oder höchstens 2 Jahre (Nr. 34), dann gibt er sie an einen anderen Kollegen weiter. Es kann also sein, daß ein französisches Grundschulkind im Laufe seiner Grundschulzeit fünf verschiedene Klassenlehrer hat. Schon daraus folgt, daß der Unterrichtsstil und die Unterrichtstechnik in französischen Grundschulen viel einheitlicher ist als in Deutschland. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieses Verfahrens liegt darin, daß bei Problemen zwischen einem Lehrer und einem Schüler die Konfliktzeit auf 1 Jahr begrenzt ist.
Die Lehrer werden nicht mit Namen, sondern mit „Maitre“ und „Maitresse“ angeredet (Nr. 35).
Mir fiel auf, daß wesentlich mehr Männer als in Deutschland an Grundschulen unterrichten, an einigen Schulen, die ich gesehen habe, waren die Männer sogar in der Mehrzahl (Nr. 36).
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit wie bei uns existiert in Frankreich nicht. Entweder man arbeitet mit voller oder mit halber Stelle. Zwischenlösungen sind nicht vorgesehen (Nr. 37). Für die Frauen im Kollegium ist das auch nicht so bedeutsam, weil ja die eigenen Kinder verläßlich ins Ganztagssystem eingebunden sind.
Die Versetzungssituation für die Lehrer ist transparenter als in Deutschland. Die freigewordenen, neu zu besetzenden Stellen können abgerufen werden, und ein entsprechender Antrag für eine bestimmte Stelle kann zu einem Stichtag eingereicht werden (Nr. 38).
Ich hatte den Eindruck, daß sich die Lehrer verschiedener Schulen untereinander besser kannten als dies in Deutschland der Fall ist, weil durch die zirkulierenden Vertretungslehrer immer wieder Klatschnachrichten aus anderen Schulen verbreitet wurden (Nr. 39).
Die wöchentliche Arbeitszeit der Lehrer ist höher als in Deutschland, andererseits sind die Ferien länger (Nr. 40).


Jahrgangsübergreifende Klassen
Jahrgangsübergreifende Klassen gehören in Frankreich zur Regel (Nr. 41). Die reine Jahrgangsklasse ist zumindest in den Kleinstädten und Dörfern oft die Ausnahme. Es ist also durchaus möglich, daß in der Klasse eines Lehrers 14 Drittklässler und 13 Viertklässler sitzen. In den abgelegenen kleinen Dörfern findet man auch noch die „Classe unique“ (alle 5 Jahrgänge in 1 Klasse).


Rolle der Eltern
Die Eltern betreten das Schulhaus während des Unterrichts nicht. Sie warten vor dem Schulhof auf ihre Kinder (Nr. 42). Klassenelternbeiräte existieren nicht, sondern es werden per Listenwahl Elternvertreter der gesamten Schule gewählt (Nr. 43).
Die Eltern vertrauen weit mehr als bei uns den Lehrern und mischen sich seltener in die Unterrichtsarbeit ein, weil das Schulsystem als Ganzes offensichtlich über eine breite Legitimationsbasis verfügt (Nr. 44).
Die Eltern können, wenn ihr Kind eine Klassenstufe wegen schlechter Leistungen wiederholen soll, Widerspruch einlegen (Nr. 45).


Regeln und Rituale
Die Kinder stellen sich beim Klingeln an vorgesehen Plätzen auf und dürfen nicht ohne den Lehrer ins Schulhaus gehen (Nr. 46).
Sie schreiben alles (Mathematik und Französisch) in 1 Heft, das sogenannte „cahier du jour“ (Nr. 47). Eine Differenzierung der Liniengröße in den Heften, je nach Jahrgangsstufe der Kinder, gibt es nicht (Nr. 48).
Der Lehrer korrigiert täglich die Leistungen der Kinder und führt darüber penibel Buch (Nr. 49).
Obwohl die Kinder den ganzen Tag in der Schule sind, bekommen sie auch noch Hausaufgaben auf, insbesondere zur Überbrückung des freien Mittwochs.
Die Sitzordnung ist tafel- und lehrerzentriert (Nr. 50). Alle schauen nach vorne. Teilweise gibt es noch Tische, die mit den Stühlen verschraubt sind (Nr. 51). Auch die Tafeln sind oft fest an der Wand angebracht und können nicht hoch- oder runtergeschoben werden (Nr. 52). Die Schüler haben wesentlich mehr Bücher auf oder unter ihren Tischen als bei uns. Nachschlagewerke sieht man sehr oft.
Viel ausführlicher als bei uns wird in der Grundschule Geschichte behandelt (Nr. 53). In fast allen Klassen hängen geschichtliche Zeitleisten.
Auf Ruhe, Disziplin und Höflichkeit wird großer Wert gelegt (Nr. 54). „Im Lärm kann man nicht arbeiten“, ist ein Standardsatz französischer Lehrer und Schulräte.
Ich hatte den Eindruck, daß das Ziel des französischen Schulsystems die Erziehung zum „citoyen“, zum „Staatsbürger“ ist, während bei uns eher die freie Entfaltungsmöglichkeit der kindlichen Anlagen im Vordergrund steht (Nr. 55).


Können Lehrer dazulernen?
Wenn nun ein deutscher Lehrer diese vielen Unterschiede (vielleicht sind es ja noch mehr !) registriert, was folgt daraus? Was passiert mit seiner nationalen Schul-Identität? Sind die Erfahrungen befruchtend?
Ich hatte den Eindruck, daß viele Lehrer das andere, „fremde“ Modell erst einmal spontan, heftig, fast allergisch abwehren, sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite. Das hat sicher mit Identität und Prägungen zu tun. Was fremd ist, ist eben: nicht vertraut - eine Tautologie, deren Wahrheit bei binationalen Begegnungen sichtbar wurde.
Was fremd ist, kann man aber kennen und verstehen lernen. Dieser Schritt der Reflexion bedeutet nicht, daß man das andere Modell übernimmt. Aber in der Öffnung, in der Auseinandersetzung wird die eigene Position klarer. Jeder Lehrer, der in Frankreich gearbeitet hat, kommt also reicher zurück.

Ulrich Reyher

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