Arbeitstexte de travail

FÜR DIE ENTWICKLUNG INTERKULTURELLER KOMPETENZ IN EUROPA
WELCHE AUS
BILDUNGEN?
WELCHE FOR
MALE ABSCHLÜSSE?

Inhaltsverzeichnis

 

 

II. DIE BISHERIGE BERÜCKSICHTIGUNG DER DIMENSION DES INTERKULTURELLEN AUF DER EBENE NATIONALER STUDIENGÄNGE
Otto Lüdemann

1.) Das Modell der Äquivalenzen und seine besondere Eignung für die Lösung der Anerkennungsfrage in klassischen universitären Disziplinen

Unseres Wissens gibt es bisher noch keine grundständige Ausbildung im Bereich der interkulturellen Bildung mit einem auf nationaler Ebene anerkannten Diplomabschluß. Andrerseits hat das Interkulturelle häufig implizit oder in einem komplementären Sinn seinen Platz in verschiedenen Formen der Ausbildung. Von daher erscheint es angezeigt, zunächst zu fragen, wie bestehende Studiengänge mit einer gewissen Nähe zur interkulturellen Problematik sich der Herausforderung internationaler und interkultureller Öffnung im Bildungswesen gestellt haben. Auch wenn dabei noch nicht Interkulturalität in dem in der vorliegenden Studie intendierten Sinn thematisiert wird*, ist dies doch ein notwendiger Schritt erster Annäherung und Klärung.

In dieser Hinsicht bietet sich das Paar: Erziehungswissenschaft / Sciences de l'Education in Deutschland und Frankreich als besonders geeignet an. Diese Disziplinen haben das Erbe der Pädagogik bzw. der "Pédagogie" angetreten, also von Fächern, die ihren festen Platz im kulturgeschichtlichen Besitzstand beider Länder haben. Traditionsgemäß waren sie den philosophischen Lehrstühlen bzw. den "Facultés de Lettres" angegliedert. Gemäß dem Vorbild und unter dem Einfluß der Vereinigten Staaten haben sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg schnell die empirischen Sozialwissenschaften durchgesetzt. Eine der Folgen war die Einrichtung einer neuen Disziplin 'Erziehungswissenschaft', die von nun an vorzugsweise den Human- und Sozialwissenschaften zugeordnet war. In Frankreich dauerte es demgegenüber bis zum Jahre 1968, bis ein vergleichbarer Vorgang zur Schaffung einer Reihe von "Instituts-" oder "Départements de Sciences de l'Education" führte. Angesichts der sehr unterschiedlichen historischen Bedingungen und politischen Motive, die jeweils den Anstoß gaben, waren allerdings die Rolle und das Bild der beiden Disziplinen von Land zu Land, bisweilen sogar innerhalb desselben Landes, unterschiedlich. Es nimmt insofern nicht wunder, wenn diese Disziplinen wie auch die Institutionen, die sie vertreten, von zahlreichen Widersprüchen durchdrungen sind. Dies prädestiniert sie grundsätzlich kaum dazu, internationale Beziehungen mit dem Ziel einer wechselseitigen Anerkennung oder Harmonisierung von Lehrinhalten aufzunehmen. Die internationalen Strategien beschränken sich deshalb meistens auf individuelle Kontakte der Lehrenden.

Ein anderes Beispiel, benachbart, aber in bestimmter Hinsicht doch auch wieder sehr verschieden, ist das der Ausbildung der Sozialarbeiter/Sozialpädagogen bzw. der "Travailleurs Sociaux"/ "Educateurs Spécialisés" in beiden Ländern. Auch in diesem Fall hat es im Laufe der Geschichte nur wenige Kontakte und entsprechend geringe wechselseitige Einflüsse gegeben. Trotzdem hat die Ähnlichkeit der sozialen Probleme in den Industriegesellschaften offensichtlich ähnliche Reaktionen hervorgerufen, die nicht nur zu einer vergleichbaren Berufspraxis, sondern insgesamt auch zu vergleichbaren Inhalten und methodischen Ansätzen in der Berufsvorbereitung geführt haben. Ob es sich nun um Probleme der Arbeitslosigkeit, des Drogenkonsums, der Kriminalität oder der Ausländerfeindlichkeit handelt: Die Ursachen sind in allen westlichen Ländern im wesentlichen die gleichen, die Ressourcen und das verfügbare Wissen, um diesen Problemen zu begegnen, ähneln sich, auch wenn die kulturellen und institutionellen Voraussetzungen erhebliche Unterschiede aufweisen.

Relativ weniger abhängig vom kulturellen Erbe des jeweiligen Landes und stärker unter dem Druck aktueller und künftiger Herausforderungen müßte das für die Sozialarbeit spezifische Handlungswissen sich also im Prinzip auch eher für eine Harmonisierung im Rahmen internationaler Zusammenarbeit eignen. Die Schwierigkeit liegt jedoch oft im Detail. Selbst Nuancen im beruflichen Selbstverständnis können sich als unüberwindliche Barrieren erweisen, insbesondere, wenn sie in tiefgreifenden kulturellen Unterschieden verankert sind, die den Betroffenen oft gar nicht als solche bewußt sind. Beispielsweise ist davon auszugehen, daß ein deutscher "Gemeinwesenarbeiter", ein britischer "Community Worker" und ein französischer "animateur de quartier" in ihrem Berufsalltag mit in etwa vergleichbaren sozialen Problemen konfrontiert werden. Dennoch ist davon auszugehen, daß sie, unabhängig von sprachlichen Verständigungsproblemen, stunden- und tagelang über ihr berufliches Selbstverständnis streiten könnten, ohne zu einem Ende zu kommen. Diese Schwierigkeit könnte zwar unter interkulturellen Gesichtspunkten gerade den Reiz und das Interesse einer Begegnung ausmachen, doch eben dies so zu sehen, ist nicht selbstverständlich.

Das größere Problem für die Realisierung internationaler Kontakte und Begnungen in diesem Bereich liegt freilich auf einer anderen Ebene, nämlich der der Institutionen und ihrer Abhängigkeit von den jeweiligen nationalen Erziehungs- und Ausbildungssystemen. In Frankreich und Deutschland ist die Ausbildung der Sozialarbeiter bzw. der "travailleurs sociaux" Institutionen auf ganz unterschiedlichem Niveau übertragen, was die Zusammenarbeit erschwert. Probleme unterschiedlicher wissenschaftlicher Standards, des sozialen Prestiges oder der Ausbildungspolitik hindern die Menschen daran, sich einfach an einen Tisch zu setzen und miteinander zu reden, und dies trotz ihres offensichtlichen Interesses, die zentralen Probleme ihrer Disziplinen gemeinsam zu bearbeiten.

Trotz all dieser Schwierigkeiten hat die Europäische Gemeinschaft - inzwischen: "Union" - eine weise und der Situation angemessene Entscheidung getroffen, nämlich die, relativ grosszügige und flexible Äquivalenzlösungen vorzuschlagen. Indem Europa die Idee vereinheitlichter europäischer Ausbildungen und Diplome endgültig ausgeschlossen hat, hat es die Verantwortung für die erforderliche Qualität und das Niveau der universitären und beruflichen Bildung denjenigen Institutionen übertragen, die mit Partnern aus andern Ländern der Union zusammenarbeiten wollen.

Diese Orientierung ist keineswegs nur ein "Papiertiger" geblieben, sondern hat unter anderem zur Schaffung des Erasmus-Programms geführt, für das Äquivalenzen eines der grundlegenden Prinzipien darstellen. Zahlreiche interuniversitäre Erasmus-Kooperationsnetze zeugen heute von der positiven Aufnahme dieser Entwicklung.

Einer anderen europäischen Richtlinie ist es zu verdanken, wenn heute der äquivalente Berufszugang in Europa auf eine im wesentlichen befriedigende Weise gelöst wurde. Dies gelang dadurch, daß einerseits in allen Mitgliedsländern eine Mindestausbildungszeit für die jeweiligen Berufe vorgeschrieben wurde, andrerseits unter dieser Voraussetzung die grundsätzliche Äquivalenz der Ausbildungen anerkannt und bestimmte erforderliche Anpassungsmaßnahmen dem Ermessen der verantwortlichen Behörden und Institutionen in den einzelnen Ländern überlassen wurden. In der Tat: Wer sollte auch kompetenter diese Fragen beurteilen können als diejenigen, die aufgrund ihrer Berufspraxis die Verantwortung für die Qualität und das Niveau der Ausbildung in ihren eigenen Ländern tragen!

So begrüßenswert diese Entwicklungen einerseits sind, so ist doch andrerseits festzuhalten, daß die "Auslandserfahrung" eines Studierenden, selbst wenn sie sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und zur Anerkennung äquivalenter Studienleistungen führt, eo ipso noch nichts darüber aussagt, ob und in welchem Umfang der oder die Betreffende diese Erfahrung im Sinne eines vertieften wechselseitigen Verstehens der eigenen und der fremden Kultur genutzt hat. Möglichkeiten äquivalenter Studien- und Berufserfahrungen in einem anderen Land sind wichtige Voraussetzungen, aber keine Garantie für die Entwicklung interkultureller Erfahrung und Kompetenz in dem hier zu thematisierenden Sinn.

 

2.) Das Modell der Integration der Thematik des Interkulturellen in Grund- oder Aufbaustudiengängen sowie in der beruflichen Weiterbildung in verschiedenen Disziplinen

Auf dem Hintergrund der vorstehenden Ausführungen mag der Leser sich fragen, ob die geeignetste Form einer europäisch-interkulturellen Ausbildung nicht dennoch das System der Äquivalenzen wäre, einmal vorausgesetzt, es gäbe in verschiedenen Ländern entsprechende Ausbildungen, die ausschließlich oder überwiegend die interkulturelle Problematik zum Inhalt hätten. Dies ist jedoch offensichtlich nicht der Fall. Die interkulturelle Dimension wird vielmehr da, wo es sich anbietet, mit spezifischen Gegenstands- und Problembereichen verbunden, für die es bereits Studiengänge gibt. Traditionell sind dies einerseits die Ausbildung von Fremdsprachenlehrern sowie der Bereich der angewandten Sprachwissenschaften in Verbindung mit interdisziplinären landeskundlichen Studien.

Die Universität des Saarlandes in Saarbrücken, im deutsch-französischen Grenzgebiet gelegen und von daher für entsprechende Aktivitäten prädestiniert, hat ein besonders differenziertes, unterschiedlichen Bedürfnissen angepaßtes Ausbildungsangebot unter dem Titel: "Studiengänge Interkulturelle Kommunikation" konzipiert. Im einzelnen heißt es in der Präsentation der Studiengänge:

"Die schwerpunktmäßig in der Romanistik angesiedelten Studiengänge "Interkulturelle Kommunikation" bereiten durch ein theoretisch- und praxisorientiertes Lehrprogramm auf ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und mentalen Eigenarten Frankreichs vor und fördern die interkulturelle Kompetenz in den deutsch-französischen Beziehungen. Besonderer Wert gelegt wird auf die methodische Übertragbarkeit landeskundlicher und interkultureller Kompetenzen, die am Beispiel des frankophonen Kulturraumes vermittelt werden".

Insgesamt umfaßt das den Studierenden offenstehende Angebot:
- einen viersemestrigen Aufbaustudiengang "Interdisziplinäre Frankreichstudien und interkulturelle Kommunikation", der einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluß voraussetzt und mit einem Diplom abgeschlossen wird,
- ein Weiterbildungsangebot, das aus den Bereichen "Kommunikation und Medien im deutsch-französischen Vergleich" und "Interkulturelles Management" (mit Schwerpunkt Frankreich / Deutschland) besteht,
- einen Magisterstudiengang "Französische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation".

Vermittelt werden:
- Berufsorientierte Sprach- und Kommunikationskompetenz,

- Landeskundliche Kompetenz (Interdisziplinäre Frankreichstudien),

- Interkulturelle Kompetenz.

Auslandspraktikum und Auslandsstudium sollen integraler Bestandteil der Studiengänge Interkulturelle Kommunikation sein.

Neben den sprach- und kulturwissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten gibt es andere Orte der Vermittlung kulturspezifischer Inhalte und Themen, die sich für eine Thematisierung der interkulturellen Dimension anbieten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit mögen einige weitere Beispiele genannt sein:

So hat der internationale Tourismus ein Interesse daran, nicht nur optimale Bedingungen für das Fremdsprachenlernen im Land der Zielsprache zu schaffen, sondern ist auch darauf angewiesen, daß die später im Tourismus oder im Hotelgewerbe tätigen Fachkräfte zumindest die Alltagskultur der von ihnen gewählten Reise- und Gastländer von innen her kennen. Dasselbe gilt in abgewandelter Form für die Ausbildung von Journalisten und Medienspezialisten, zunehmend aber auch für den Bereich der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, des Handels und des Marketing. Schließlich auch für die Ingenieurwissenschaften, denn technische Großprojekte und weltumspannende Aufgaben wie die informationelle Vernetzung des Globus, der Klimaschutz oder der Kampf um die Rettung der Umwelt fordern zunehmend Menschen, die nicht nur fachkompetent sind, sondern sich auch den Herausforderungen interkultureller Kommunikation und Kooperation stellen.

Repräsentativ für diesen gesamten Bereich sind Strategien, die sich unter dem Stichwort Interkulturelles Management zusammenfassen lassen. Neben den für Frankreich typischen Elitehochschulen, wie auch entsprechenden Einrichtungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern, gibt es hochschulunabhängige Institute, Vereinigungen und Konsortien, die sich zunehmend dieser Aufgabe widmen. U. a. ist hier das Deutsch-Französische Institut der Robert-Bosch-Stiftung in Ludwigsburg zu nennen, das in Zusammenarbeit mit deutschen und französischen Partnern entsprechende Kurse anbietet. Dazu liegt eine ausführliche Dokumentation vor. Längst hat auch die Wirtschaft erkannt, daß Probleme der interkulturellen Kommunikation sich in gravierender Weise auf das Funktionieren der internationalen Geschäftsbeziehungen und damit auf die Umsätze der Unternehmen auswirken. Es verwundert deshalb nicht, wenn sich private Initiativen entwickeln, die aus der Beratung und Schulung von Managern im Bereich der interkulturellen Kommunikation ein lukratives Geschäft machen. Wie noch zu zeigen sein wird, finden sich hier die am weitesten entwickelten Strategien zur Analyse und Bewältigung interkultureller Probleme, freilich immer unter dem engen Blickwinkel möglichst reibungsloser Geschäftsbeziehungen und entsprechender Gewinnmaximierung.

Ein teilweise in diesen Zusammenhang gehörendes, aufgrund des bestimmenden gesamtgesellschaftlichen Interesses aber auch wieder spezifisches interdisziplinäres Feld mit interkulturellen Implikationen stellt der Bereich des Umweltmanagements dar. Ein entsprechender Aufbaustudiengang an der Universität Trier (mit zahlreichen Partnern in Europa) stellt sich dieser aktuellen Herausforderung. Es handelt sich dabei um das Diplom des "European Master in Environmental Management" :

"Ziel dieses einjährigen Aufbaustudiengangs ist die Vermittlung über das Fachwissen hinausgehender Kenntnisse und Erkenntnisse auf dem Gebiet des Umweltmanagements, der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen der Umweltzerstörung, des Einsatzes von Strategien zur Vermeidung von Umweltschäden und deren Behebung durch Methoden eines umweltorientierten, strategischen Managements sowie der rechtlichen Rahmenbedingungen, die von der Europäischen Union und den Mitgliedsstaaten dieser Union für eine Verbesserung der Umwelt- und Lebensbedingungen in Europa gesetzt werden."

Wie aus dieser Beschreibung hervorgeht, tritt in einem solchen Studiengang die Bedeutung persönlicher interkultureller Kompetenz hinter dem Lernen von globalen, technisch und rechtlich fundierten Strategien zurück. Gleichwohl dürfte auch in einem solchen Studium die interkulturelle Dimension ständig präsent sein, denn der Begriff des "Umweltmanagements" setzt ja zwangsläufig die Auseinandersetzung mit dem zumindest teilweise kulturell bedingten Verhalten der Menschen voraus, das Umweltprobleme erst schafft oder umgekehrt nach entsprechender Analyse zu deren Lösung beitragen soll.

Wie schon angedeutet, weist der Bereich der Sozialarbeit / Sozialpädagogik aus verschiedenen Gründen seinerseits eine besondere Affinität zur interkulturellen Problematik auf. Zwei Praxisfelder, in denen interkulturelle Probleme eine zentrale Bedeutung haben, mögen dies verdeutlichen:

- der Bereich der Interkulturellen Sozialen Arbeit mit Migranten, Aussiedlern und Flüchtlingen,

- der Bereich der Internationalen und Interkulturellen Austausch- und Begegnungsarbeit.

Die Praxis der Sozialen Arbeit in allen europäischen Industriestaaten muß sich mit den Folgen und aktuellen Implikationen der vor Jahrzehnten begonnenen und bis heute andauernden weltweiten Migrations- und Fluchtbewegungen auseinandersetzen. Die meisten sozialen Einrichtungen sind nicht darauf vorbereitet, die spezifischen, meist kulturbedingten Probleme ausländischer Mitbürger oder von Mitgliedern ethnischer Minderheiten zu berücksichtigen, geschweige denn konstruktiv und produktiv mit den kulturellen Unterschieden umzugehen. In diesem Zusammenhang ist eine von der Fachhochschule Köln ausgehende, im Laufe des Jahres 1994 durchgeführte Umfrage zur "Interkulturellen Öffnung der Fachbereiche Sozialwesen" in der Bundesrepublik symptomatisch.

Das auf einem anschließenden Treffen diskutierte Ergebnis der Umfrage zeigt, daß einerseits allenthalben der Bedarf einer solchen Öffnung gesehen wird und zahlreiche Initiativen versuchen, darauf zu antworten; andrerseits sind die regionalen, lokalen und institutionellen Bedingungen für den Umgang mit dem Problem sehr unterschiedlich. Hinzu kommt die theoretische Unsicherheit im Hinblick auf die Frage, was denn nun "interkulturelle Öffnung" oder auch "interkulturelle Kompetenz" meint. Inzwischen hat diese Untersuchung im Rahmen der Plenarversammlung des "Fachbereichstages Soziale Arbeit" vom 3. - 5. Mai 1995 in Magdeburg gemäß § 7 der Satzung zur Einrichtung einer ständigen Arbeitsgruppe "Interkulturelle Sozialarbeit" geführt. Hauptaufgaben sind Förderung und Weiterentwicklung in diesem Bereich auf den folgenden Ebenen: Lehre, curriculare Entwicklung, Forschung und Entwicklung, Zusammenarbeit mit der Berufspraxis.

Als das in diesem Sinn bisher ehrgeizigste und am konsequentesten umgesetzte Modell interkultureller Öffnung im Bereich der Sozialen Arbeit dürfte ein vom Fachbereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Koblenz, teilweise in Zusammenarbeit mit der Universität Mainz sowie mit zahlreichen europäischen Partnerinstitutionen entwickeltes Studienangebot sein. Es wird im Rahmen der europäischen Hochschulvereinigung ECCE (= European Center for Community Education) koordiniert. Das Angebot umfaßt ein Zusatzzertifikat im Rahmen des grundständigen Studiums der Sozialpädagogik (EUROPE- ACCESS) und eine vertiefende Option im Sinne einer Spezialisierung (EUROPE-COMES) .

Das Zertifikat EUROPE ACCESS setzt sich aus Bescheinigungen über die Teilnahme an einer Reihe von vorgegebenen Studienangeboten mit verschiedenen Optionen zusammen. Sie können nach dem Prinzip des Baukastensystems schrittweise erworben werden, und zwar z.T. im Rahmen von Studien- und Praxisaufenthalten an einer der zahlreichen europäischen Partnerhochschulen, z.T. auch im Rahmen von eigens organisierten, bi- oder multilateralen Seminaren zu europaorientierten oder interkulturellen Fragestellungen im Bereich der Sozialen Arbeit. Seit dem WS 94/95 gibt es EUROPE-ACCESS auch als Weiterbildungsangebot für Praktiker.

EUROPE-COMES ist demgegenüber im Begriff, von einem bisher konsekutiv zum Sozialpädagogik-Diplom in Koblenz studierbaren Zusatzzertifikat zu einem eigenständigen Studien-gang mit Doppeldiplomabschluß zu avancieren (in einer vorläufigen Form studierbar seit dem W.S. 1995/96, noch mit einem Auslands-Berufspraktikum im 7. und 8. Semester, endgültig dann mit integrierter Praxisphase im Ausland voraussichtlich ab W.S. 1996/97).

Als ein vergleichbarer, wenn auch vom Studienangebot her zur Zeit noch begrenztererer Ansatz stellt sich die Zusatzfachprüfung "Europäische Interkulturelle Studien" am Fachbereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Hamburg dar. Hier steht den Studierenden im Rahmen des Europa-Lehramtes JEAN MONNET nach einem mindestens einsemestrigen Studien- oder Praxisaufenthalt an einer europäischen Partnerhochschule die Möglichkeit offen, nach Wahl entweder die Diplomarbeit oder eine zusätzliche Arbeit zu einer interkulturellen Thematik zu verfassen. Auf dieser Grundlage erhalten sie dann das Zusatzzertifikat "Europäische Interkulturelle Studien". Ein gegenwärtig im Rahmen einer allgemeinen Studienreform diskutiertes Projekt zielt darauf ab, die künftig ins Studium integrierte Praxisphase in einem der Partnerländer zu absolvieren und in Zusammenarbeit mit den Partnerhochschulen sowohl unter professionellem als auch unter interkulturellem Blickwinkel zu begleiten. Siehe dazu die Ausführungen weiter unten (Abschnitt IV 4.).

 

3.) Das Modell des Doppeldiploms: eine Perspektive für künftige europäisch-interkulturelle Bildung?

Neben den zahlreichen Varianten einer Integration interkultureller Bildung in bestehende Studiengänge, sei es als Zusatzzertfikat, in Aufbauform oder im Rahmen beruflicher Weiterbildungsangebote, gibt es seit einiger Zeit - nicht zuletzt dank der Einrichtung des Erasmus-Programms und seines speziellen deutsch-französischen Pendants: Deutsch-Französisches Hochschulkolleg (DFHK) - eine weitergehende Form der zugleich internationalen und interinstitutionellen Zusammenarbeit: das Doppeldiplom.

Die Idee des Doppeldiploms besteht darin, bestimmte curriculare Anteile vergleichbarer Studiengänge in verschiedenen Ländern inhaltlich aneinander anzugleichen und organisatorisch soweit aufeinander abzustimmen, daß es möglich wird, Absolventen, die einen entsprechenden, festgelegten curricularen Anteil an der Partnerhochschule studiert haben, über die bloße Äquivalenz der Vorbereitung für das Diplom der Heimathochschule hinaus auch den Titel der Partnerhochschule zu verleihen. Während das Erasmus-Programm dieses Modell zwar als wünschbare, jedoch nicht als zwingend erforderliche Voraussetzung für die Bewilligung der Programmittel ansieht, hat das DFHK das Doppeldiplom zum ausdrücklichen Ziel seiner Förderstrategie erklärt. D. h. über eine zeitlich begrenzte Anlaufphase hinaus wird nur weitergefördert, wenn das Ziel der Einrichtung eines Doppeldiploms erreicht wird.

Es verwundert nicht, wenn bisher vor allem Hochschulen mit mathematisch-naturwissenschaftlichen, technischen oder bedingt auch wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen Doppeldiplome eingerichtet haben oder noch anstreben. In der Tat ist es so, daß die naturwissenschaftlichen Grundlagen und die technische Infrastruktur der westlichen Industriegesellschaften faktisch längst eine weitgehende Harmonisierung der Studieninhalte dieser Disziplinen erzwungen haben. Soweit es Probleme gibt, sind diese eher institutioneller oder organisatorischer Art, d. h. zu beheben, sofern der politische Wille dazu vorhanden ist. Wie sich bereits im Zusammenhang mit den Äquivalenzregelungen zeigte, tun sich die durch spezifische gesellschaftliche oder geschichtlich-kulturelle Inhalte geprägten Disziplinen dagegen verständlicherweise schwer mit einer Angleichung ihrer Inhalte. Mehr noch aber mit der Idee einer Harmonisierung ihrer institutionellen Strukturen und ihrer organisatorischen und methodischen Ansätze, denn gerade darin drückt sich die für diese Disziplinen spezifische geschichtliche und kulturelle Prägung besonders prägnant aus.

Die Beantwortung der Frage, ob das Modell des Doppeldiploms eine tragfähige Perspektive für eine künftige europäisch-interkulturelle Ausbildung eröffnen kann, bleibt auf diesem Hintergrund mit zahlreichen Unsicherheiten verbunden, zumal gegenwärtig nur schwer auszumachen ist, wer die Partnerinstitutionen für ein solches Diplom sein könnten. Andrerseits ist zu betonen, daß im Gegensatz zu allen übrigen Fachdisziplinen interkulturelle Bildung nur ein sehr bedingtes Interesse an der Harmonisierung von Studieninhalten hat, da sie in wesentlichen Teilen ja im Gegenteil auf die konkrete Erfahrung und Bearbeitung von kulturellen Unterschieden als wesentliche Ressource angewiesen ist. Es käme also darauf an, solche Ressourcen in einem geeigneten institutionellen Rahmen bereitzustellen. Dies aber würde voraussetzen,

1. daß sich solche europäische, hinsichtlich der zugrundeliegenden Fachdisziplin vergleichbare Ausbildungsinstitutionen zu einer Kooperation zusammenfinden, die bereits über einen interkulturellen Ansatz verfügen,

2. daß diese Institutionen das strategische Interesse ihrer Kooperation nicht (oder nicht nur) auf ein fachliches, sondern auf ein interkulturelles Doppeldiplom richten,

3. daß der institutionelle Rahmen dieses Doppeldiploms nicht administrativ erstarrt, sondern permanenter Gegenstand eines Aushandlungsprozesses im Rahmen der Kooperation bleibt.

Dies sind sicherlich hohe, aber gleichwohl realistische und umsetzbare Ansprüche, vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen dazu.

Gerade noch vor Redaktionsschluß der vorliegenden Broschüre sind bei uns ergänzende Informationen zu dem neuen Studiengang EUROPE-COMES des Fachbereichs Sozialpädagogik an der FH Koblenz eingegangen. Danach ist davon auszugehen, daß dieser Doppeldiplomabschluß, zumindest von seinem Anspruch her, den genannten Ansprüchen zu genügen versucht. Der folgende Überblick über das Konzept macht dies deutlich.

Neuer Studiengang "European Community Education Studies" im FB Sozialpädagogik (Koblenz)

Curriculum und Studienorganisation

Der integrierte Studiengang "European Community Education Studies" wird acht Semester (davon zwei praktische Studien-semester) umfassen.

Die Verteilung auf Grund- und Hauptstudium soll unter Berücksichtigung der "ABDFH" (02.12.1994) entsprechend dem Entwurf "Rahmenordnung für die Diplomprüfung im Studiengang Sozialwesen an Fachhochschulen" (Stand: Juli 1994) erfolgen:

- Das Grundstudium "European Community Education Studies"
von 4 Semestern wird starke Parallelen zu dem des Studiengangs Sozialpädagogik aufweisen, jedoch sollen die Lehrangebote in Fachfremdsprachen und Empirischer Sozialforschung/Statistik zur Pflicht gemacht werden. (Auf das für den Studiengang Sozialpädagogik verpflichtende Blockpraktikum wird verzichtet.)

- Im Hauptstudium "European Community Education Studies"
(ebenfalls 4 Semester) ist ein Auslandsaufenthalt an einer Partnerhochschule vorgesehen (d. h. ein theoretisches plus ein praktisches Studiensemester; diese Studienleistungen werden durch die Partnerhochschule bewertet bzw. abgeprüft).

Die sogenannten "arbeitsfeldübergreifenden" Seminare werden einen europäischen Schwerpunkt haben, das "arbeitsfeldbezogene" Projektstudium wird in "European Community Education" durchgeführt. Das verpflichtende Lehrangebot in Fachfremdsprachen und Empirischer Sozialforschung wird fortgesetzt. (Auf ein weiteres Blockpraktikum wird ebenfalls verzichtet.)

- Die Diplomarbeit
kann auch in Verbindung mit der Partnerhochschule geschrieben werden.

- Als Abschluss
erhalten die erfolgreichen Studierenden neben dem Diplom der Fachhochschule ein entsprechendes Diplom bzw. ein "Bachelor's/ Master's Degree" der Partnerhochschule (sogenanntes Doppeldiplom).

Partner im neuen Studiengang
Als Partner sind zunächst das Department of Community & Continuing Education, Northern College, in Dundee / Schottland und das Department of Social & Community Studies, De Montfort University, in Leicester / England vorgesehen. Weitere Partner aus den ERASMUS-HKPs ("ACCESS-Europe" und "Europe-COMES") werden folgen.

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