Die Dynamik des Gletschers

Schneeflocke, ich falle vom Himmel und lande auf dem weißen Mantel, der den Gipfel des Tré-la-Tête-Gletschers bedeckt. Um mich herum erwärmt sich die Luft, zweifellos ein Geschenk der Sonne. Gewiss, ich schmelze, doch bei Einbruch der eisigen Nacht erstarre ich. Arm in Arm werden die anderen Schneeflocken und ich, nun Wassertropfen, zu Eis. Paradoxerweise ist der Gletscher nicht unbeweglich, sondern wie ein großes Förderband ist er emsig damit beschäftigt, mich von seinem oberen Bereich (Akkumulationszone) in seinen unteren Bereich (Ablationszone) zu befördern. Und so erreiche ich eines schönen Tages die Gletscherfront, wo ich wieder kräftig schmelze und meine Form zurückgewinne. Als Wassertropfen fließe ich nun über das glatte Eis und dann über die Moränen, bevor ich meinen turbulenten Lauf in einem Gletschersee beende, der erst vor knapp vier Jahren entstanden ist. 

Dort, hoch über diesem See, beobachten mich junge Deutsche, Slowenen und Franzosen. Sie sind aus allen Ecken der Alpen hierhergekommen, um über meine Zukunft und die aller Wassertropfen zu diskutieren, die in diese erhabene Gebirgskette fallen werden. Fünf Tage lang haben sie sich mit den Herausforderungen rund um das Thema Wasser in den Alpen auseinandergesetzt und dabei verschiedene lokale Akteure getroffen. Während ich den Gebirgsfluss Bon Nant hinunterfloss, konnte ich ihren Aufenthalt hier miterleben: Ich werde euch also davon berichten. 

Die ökologische Abfolge (1)

Erst nachdem ich den Gletschersee hinter mir gelassen habe, stürze ich den Gebirgsfluss von Tré-la-Tête hinab. Nach und nach taucht Vegetation auf: Zunächst sind es einfache Flechten, die sich so gut es geht an ihren Felsen festklammern. Dann erscheinen hier und da kleine Hügel aus Steinbrech. Hier ragt ein einzelnes Edelweiß empor. Bald offenbart sich eine strahlende Almwiese, auf der Alpenstiefmütterchen und Koch-Enziane nebeneinander wachsen. Während sich die Gletscherfront zurückzieht, lässt das freigelegte Gestein neues Leben entstehen. Eine ökologische Sukzession setzt nun ein: ein langsames Ballett, das sich über Jahrhunderte erstrecken wird und von dem wir erst die ersten Anzeichen erkennen. Weiter unten, wo sich der Gletscher schon vor langer Zeit zurückgezogen hat, hat die ökologische Sukzession an Fahrt gewonnen: Die Flechten, diese unauffälligen Pioniere, sind den Bäumen gewichen. Jahrelang haben sie geduldig einen lockeren und fruchtbaren Boden geformt, sodass nun auch neue, weniger widerstandsfähige Pflanzenarten dort Wurzeln schlagen können. In diesem feuchten Tal profitiert davon die Grün-Erle. Generation um Generation breitet sie sich langsam den Gebirgsfluss hinauf aus. 

(1) Die ökologische Sukzession ist der natürliche Prozess der Entwicklung und Entfaltung eines Ökosystems in einer Abfolge von Stadien: von der anfänglichen Wiederbesiedlung bis hin zu einem theoretischen, als Klimaxstadium bezeichneten Stadium. („Ökologische Sukzession“, 2026, Wikipedia)“

Vorschau Koch-Enzian, Steinbrech & Edelweiß
Koch-Enzian (oben links), Steinbrech (unten links) & Edelweiß (rechts)

Wasser – eine wertvolle Ressource für Berghütten

Am Zusammenfluss mit dem Bon Nant begegne ich einem weiteren Wassertropfen, der mir eine besondere Geschichte erzählt. Seine Quelle, die die Berghütte „La Balme“ versorgt, war einst durch Verschmutzung durch Vieh gefährdet. Glücklicherweise konnte sie dank der engen Zusammenarbeit zwischen den Landwirten und dem Hüttenwart geschützt werden. Doch nun droht eine neue Gefahr: Die Dürreperioden werden immer länger und intensiver. Noch vor kurzem war es unvorstellbar, dass die Quelle versiegen könnte. Doch Sommer für Sommer wird diese Gefahr immer konkreter: Die Berghütte muss sich daher auf das Schlimmste vorbereiten. Also haben der Hüttenwart und Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam diskutiert und Lösungen erarbeitet, um Wasser zu sparen. Schließlich kommt man zu einer einfachen, aber wirksamen Lösung: Die Besucher der Berghütte müssen lernen, sparsam mit dem Wasser umzugehen. Der Hüttenwart wird sie dafür sensibilisieren. 

Ein Fluss und ein zerstörtes Wassernetz

Nun sind wir zu zweit und gleiten den Nant Borant hinunter. Wir fließen zwischen Kieselsteinen und Wurzeln hindurch und gelangen von Stromschnellen in ruhigere, tiefere Abschnitte. Doch plötzlich verliert der Fluss an Geschwindigkeit. Die Wasserfläche wird breiter und tiefer. Wir kommen so langsam voran, dass wir fast stillzustehen scheinen. Befinden wir uns in einem See? Nein! Der korrektere Begriff wäre „Stausee“. Wir befinden uns im Stausee eines Kleinwasserkraftwerks. Diese glatte Oberfläche ist nicht natürlich: Sie wurde künstlich durch einen Damm geschaffen. Diese Bauwerke ermöglichen die Steuerung des Wassers zur Stromerzeugung, zum Hochwasserschutz und zur Bewässerung, stören jedoch den natürlichen Wasserlauf der Flüsse erheblich. 

Hier stromaufwärts sammeln sich die Sedimente an, gefangen hinter dem Staudamm. Stromabwärts beginnt der Fluss, dem die Sedimentzufuhr fehlt, um sein Bett zu vertiefen und dies auszugleichen. Nach und nach gräbt er sich tiefer ein: Sein Grund senkt sich, verhärtet sich. Das Flussbett wird zu einem sogenannten „gepflasterten Bett“. Dieses Ungleichgewicht führt zur Erosion der Ufer, entzieht dem Grundwasser Wasser, verarmt die aquatischen Lebensräume und gefährdet Infrastrukturen wie Brücken und Deiche. 

Wir durchqueren also geduldig den Stausee. Am Ufer des Staudamms angekommen, müssen wir uns entscheiden: entweder von den Turbinen mitgerissen zu werden oder den Fischpass hinunter zuschwimmen. Wir entscheiden uns für die zweite Option. Allerdings scheinen Forellen und andere Wanderfische in diesem kleinen Kanal, der es den Fischen ermöglicht, stromaufwärts ihre Eier abzulegen, nicht vorhanden zu sein. Seltsam! Ein Experte erklärte vor jungen Europäern, dass diese Anlage schlecht konzipiert worden sei. Aus der Perspektive eines Fisches scheint jede Stufe wie ein Wasserfall zu sein. Doch unabhängig von der Höhe gilt: Ohne ausreichende Strömung am Fischpass werden die Fische dessen Eingang niemals erkennen. 

Unterhalb des Staudamms treffen wir auf einen neuen Wassertropfen. Er stammt aus den höchsten Regionen, und seine Reise bis hierher war lang und ereignisreich. Er kommt aus dem Gebiet des Bon Nant und wurde zunächst abgefangen, um einen Stausee in einem benachbarten Tal zu speisen. Wasser, das in gewisser Weise als „gestohlen“ erscheinen mag. Der Krieg um das Wasser spielt sich also auch im Kleinen ab. Doch die Geschichte endet hier noch nicht: Im zweiten Tal wurde er erneut abgefangen – diesmal, um eine Schneekanone zu versorgen. Wie auf einem Karussell ist er nun zurück im Einzugsgebiet des Bon Nant. Glücklicherweise ist er einer zweiten Runde entgangen und befindet sich nun an unserer Seite. Übrigens konnten die jungen Menschen mit dem Geschäftsführer des Skigebiets und dem stellvertretenden Bürgermeister von Les Contamines-Montjoie sprechen und mit ihnen über die großen Herausforderungen der Wasser- und Schneeverwaltung im Skigebiet, auf den Almen oder in der Stadt diskutieren.

Internationaler Zusammenhalt für eine bessere Zukunft

Für ich war es ein Vergnügen zu sehen, wie diese jungen Menschen zusammenkamen und sich über die Wasserproblematik in den Alpen austauschten. Ihre Neugier scheint grenzenlos zu sein, und ihre Motivation, eine bessere Zukunft zu gestalten, gibt Anlass zur Hoffnung. Sie haben Grenzen überwunden, um gemeinsam ein Thema anzugehen, das sie alle verbindet. Um besser voneinander zu lernen und anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen zu sein, organisierte jede Gruppe einer Nationalität einen Themenabend. Dabei stellten sie den anderen Teilnehmenden die Traditionen, Bräuche und die Geschichte ihres Landes vor. Durch diesen internationalen Zusammenhalt kann eine bessere und unbeschwertere Zukunft aufgebaut werden. Denn um die Herausforderungen von morgen zu bewältigen, müssen wir Hand in Hand zusammenzuarbeiten. Aus diesen jungen Menschen sind Freunde geworden. Diese Freundschaften tragen dazu bei, dass Europa enger zusammenhält.  

So versteht sich auch das DFJW: Es wurde vor über 60 Jahren gegründet und fördert den internationalen Austausch. Gleichzeitig setzt es sich für den Umweltschutz ein, bezuschusst Austauschprogramme mit Umweltbezug und regt zur Nutzung klimaschonender Transportmittel an. 

Epilog

Nun mache ich mich auf den Weg in ferne Gefilde, getragen von reißenden Bächen und vielleicht sogar Wasserfällen, bevor die Hänge sanfter werden. Wer weiß, vielleicht habe ich die Gelegenheit, Sedimente mit mir zu führen, vielleicht durchquere ich sogar Flussabschnitte, die sich zunächst verzweigen und dann mäandrieren. Oder vielleicht ruhe ich mich eine Weile in der sanften Umarmung der Tiefen eines Sees aus. Aber woran ich keinen Zweifel habe, ist, dass sich früher oder später neue Schwellen und neue Staudämme auf meinem Weg befinden. Ich werde sie überwinden und dabei beobachten können, welche Auswirkungen diese Bauwerke auf die Form des Flusses und auf die ökologische Durchgängigkeit haben. (2)

Ich werde meine Reise im strahlenden Mittelmeer beenden. Hier ist meine Geschichte vorbei. Doch zuvor wollte ich euch in einigen Versen meine Gefühle und die Schönheit des Flusses mitteilen: 

Möge die Schönheit, die dieser Fluss birgt, 
Die ganze Harmonie dieses Flussufers 
Von unseren arbeitenden Händen verschont bleiben. 
Seit langer, langer Zeit bewahrt eine nährende Hand, 
Bewahrt in sich all dieses Licht, 
Das nicht darin gefangen bleiben darf. 
Es liegt an euch, liebe Urlauberinnen und Urlauber, 
Einheimische, Wächter, Nutzer dieses Geländes,
Dass ich voller Hoffnung diese letzten Zeilen an euch richte: 
Ich bitte euch, die Augen weit zu öffnen. 
Und bewahrt dieses wunderschöne Gletschertal.

Französische Originalfassung: 

Que la beauté qu’abrite cette rivière 
Toute l’harmonie de cette lisière 
Soit épargnée de nos mains ouvrières 
Depuis fort longtemps, une main nourricière 
Elle garde en elle toute cette lumière 
Qui ne peut pas en rester prisonnière 
C’est à vous, vacanciers et vacancières, 
Locaux, gardiens, usagers de cette aire 
Qu’avec espoir, j’adresse ces derniers vers : 
Je vous prie d’ouvrir grand les paupières 
Et préservez cette belle vallée glaciaire

(2) Die ökologische Kontinuität eines Gewässers ist definiert als der freie Verkehr lebender Organismen und deren Zugang zu den für ihre Fortpflanzung, ihr Wachstum, ihre Ernährung oder ihren Schutz unverzichtbaren Bereichen, der reibungslose natürliche Sedimenttransport sowie das ordnungsgemäße Funktionieren der biologischen Reservoirs. 

(Préfecture de l’Aude, Was ist ökologische Kontinuität?).

Vorschau Martin Dubuc

Martin ist 23 Jahre alt und hat vor Kurzem seinen Masterstudiengang im Bereich Bergraummanagement an der Universität Innsbruck abgeschlossen. Er hat sich im Rahmen eines Praktikums nach dem Studium auf Hydroökologie spezialisiert.

Martin Dubuc
Vorschau Clémént

Clément ist 24 Jahre alt und schließt gerade seinen Master in Sozial- und Kulturanthropologie ab. Er plant, einen zweiten Masterstudiengang zum immateriellen Kulturerbe zu absolvieren.

Clément Leroux
Vorschau Lucie

Lucie studiert im Masterstudiengang „Global Challenges for Sustainability“ und setzt sich für Nachhaltigkeit in Bergregionen und den Schutz dieser empfindlichen Ökosysteme ein.

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Simon studiert Agrar- und Umweltingenieurwesen und interessiert sich besonders für Wassermanagement in der Landwirtschaft.

Simon Billard

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