Ein Vertrag mit Geschichte im Rücken
Der Aachener Vertrag ist ohne den Élysée-Vertrag von 1963 nicht zu verstehen. Damals, nur 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, schrieben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Geschichte, indem sie eine Aussöhnung zwischen zwei Ländern besiegelten, die sich über Jahrhunderte als „Erbfeinde" gegenübergestanden hatten. Was undenkbar schien, wurde Wirklichkeit. Auf dieser Grundlage wuchs eine der stabilsten bilateralen Freundschaften der Nachkriegsordnung.
Auf den Tag genau 56 Jahre später und in einem politischen Klima, das von nationalem Rückzug, Brexit und erstarkendem Populismus auf beiden Seiten des Rheins geprägt war, wollten Merkel und Macron ein Zeichen setzen. Der Aachener Vertrag sollte die bestehende Zusammenarbeit vertiefen und auf andere Bereiche ausweiten: Außenpolitik, Sicherheit, Wirtschaft, Klimaschutz, Kultur und ausdrücklich auch die Jugend fanden Platz im Vertragstext.
Was wurde versprochen und was davon umgesetzt?
Der Vertrag umfasst 28 Artikel in sechs Kapiteln und wurde durch eine Prioritätenliste von zunächst 15, später 28 Projekten konkretisiert. In meiner Analyse konzentriere ich mich auf zwei Vorhaben, die für meine Generation besonders relevant sind: den Ausbau der Mobilitätsprogramme und die Einrichtung eines gemeinsamen Deutsch-Französischen Bürgerfonds.
Die Mobilitätsprogramme sollten insbesondere den Austausch junger Menschen fördern und bisher wenig erreichte Gruppen wie Auszubildende oder sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche einbeziehen. Das DFJW setzte sich das Ziel, bis 2023 10 Millionen junge Menschen zu erreichen, davon mindestens 20 Prozent aus weniger privilegierten Verhältnissen. Beide Ziele wurden erreicht: Seit 1963 zählten fast 10 Millionen junge Menschen zu den Teilnehmenden an rund 382.000 Austauschprogrammen, etwa 23 Prozent davon aus sozioökonomischen benachteiligten Verhältnissen. Programme wie PRAXES und RegioLab sowie das Netzwerk „Generation Europa“ zeigen, dass die vereinbarten Ziele auch praktisch umgesetzt wurden.
Der Deutsch-Französische Bürgerfonds nahm bereits im April 2020 seine Arbeit auf und unterstützt grenzüberschreitende zivilgesellschaftliche Projekte mit 5.000 bis 50.000 Euro. Bis 2024 wurden über 2.000 Projekte gefördert. 62 Prozent der Projekte entstanden im Rahmen von Städtepartnerschaften, 75 Prozent wurden von Vereinen getragen. Damit erreichte der Bürgerfonds vor allem kleine, bürgernahe Initiativen. Aufgrund der hohen Nachfrage verdoppelten die Regierungen 2022 das Jahresbudget von 2,4 auf 5 Millionen Euro.
Eine kritische Perspektive
Bewertet man den Erfolg aus einer kritischen und jungeuropäischen Perspektive, lässt sich sagen, dass die Ausweitung der Mobilitätsprogramme und der Bürgerfonds einen sinnvollen Ansatz verfolgen: Sie stellen die Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt und ermöglichen ihr, aktiv zur Völkerverständigung beizutragen. Gerade weil die Zivilgesellschaft der Grundpfeiler unserer Demokratie ist, halte ich es für entscheidend, Menschen über Grenzen hinweg zusammenzubringen. Ein geeintes Europa kann nur funktionieren, wenn auch seine Bürger:innen stärker miteinander verbunden sind.
Allerdings erreichen zivilgesellschaftliche Angebote noch nicht die ganze Gesellschaft in all ihrer Vielfalt. Sowohl bei den Mobilitätsprogrammen als auch beim Bürgerfonds stammen viele Teilnehmende aus eher privilegierten sozioökonomischen Verhältnissen. Wer sich ehrenamtlich engagiert, muss sich dies häufig auch finanziell leisten können. Auch bei Schulaustauschen bestehen Hürden: Manche Jugendliche können etwa keine Gastschüler:innen aufnehmen und deshalb nicht teilnehmen. Zwar hat das DFJW sein Ziel erreicht, mindestens 20 Prozent der Teilnehmenden mit erschwertem Zugang zu Mobilitätsangeboten für seine Programme zu gewinnen. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch, dass rund drei Viertel weiterhin aus privilegierten Verhältnissen stammen. Diese Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status sollte Ansporn sein, bestehende strukturelle Hürden abzubauen und den demokratischen Anspruch des Vertrags vollständig einzulösen.
Auch in anderen Bereichen bleibt der Vertrag hinter seinen Möglichkeiten zurück. Laut einer Untersuchung der Stiftung Genshagen von 2024 wurden zwar Fortschritte erzielt, das volle Potenzial des Vertrags jedoch noch nicht ausgeschöpft. Dies betrifft sowohl sicherheits- und europapolitische Vorhaben als auch konkrete Projekte wie eine gemeinsame digitale Medienplattform.
Was ich mir vorstelle: Drei Vorschläge eines jungen Europäers
Als Teil einer Generation, die selbst in die deutsch-französische Welt hineingewachsen ist, möchte ich nicht nur abstrakte Forderungen stellen, sondern konkrete Ideen einbringen, wie der Aachener Vertrag sein Potenzial noch besser entfalten könnte.
Drittortbegegnungen. Statt „klassischer“ Schulaustausche mit Gastfamilien könnten Begegnungen an einem „dritten Ort“, etwa in einer Jugendherberge, mehr junge Menschen erreichen. Wer kein Gästezimmer anbieten kann, wäre dadurch nicht automatisch ausgeschlossen. Gleichzeitig könnten Jugendliche verschiedener Altersgruppen gemeinsam an Projekten arbeiten, etwa zur europäischen Geschichte oder zum Klimaschutz. So wären sie nicht nur Tourist:innen im Nachbarland, sondern würden gemeinsam ihre Zukunft gestalten und dabei europäisches Bewusstsein entwickeln.
Eine gemeinsame digitale Plattform. Der Aachener Vertrag sah eine gemeinsame audiovisuelle Plattform vor. Mit „ENTR“ und „The European Collection“ sind entsprechende Angebote entstanden. Bislang erreichen sie jedoch eher ein Nischenpublikum. Gerade jetzt liegt darin eine Chance: Angesichts der Debatten über den Schutz junger Menschen in sozialen Netzwerken und die digitale Souveränität Europas könnte eine öffentlich-rechtliche europäische Alternative weit über die Jugendpolitik hinaus Bedeutung gewinnen.
Mehr Raum für Sprache. Immer weniger Schüler:innen in Deutschland lernen Französisch. Auch in Frankreich geht das Interesse an Deutsch zurück. Gerade in Zeiten der Künstlichen Intelligenz sind Sprachkenntnisse jedoch mehr als eine reine Übersetzungsleistung: Sie ermöglichen kulturelles Verständnis und persönliche Begegnung. Deshalb sollte das Erlernen der jeweiligen Sprache wieder attraktiver werden – nicht als reines Paukfach, sondern als gelebte Erfahrung, etwa durch Drittortbegegnungen und digitale Angebote.
Blick in die Zukunft
Der Aachener Vertrag ist kein leeres Papier. Die analysierten Projekte zeigen, dass politische Versprechen umgesetzt werden können und staatliches Handeln schneller möglich ist, als man ihm oft zutraut. Gerade in Zeiten, in denen die Handlungsfähigkeit des Staates immer wieder infrage gestellt wird, ist das ein wichtiges Signal.
Doch der Vertrag allein genügt nicht. Eine Freundschaft, die nur auf Vertragstexten beruht, bleibt fragil. Entscheidend ist, was zwischen den Menschen entsteht. Sie sind es, die das Band der Freundschaft auch in politisch stürmischen Zeiten zusammenhalten. Wie Klaus Kinkel bereits 1992 formulierte: „Europa wächst nicht aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger oder gar nicht.“
Die junge Generation ist die Zukunft dieser Freundschaft. Damit sie dieses Band auch künftig zusammenhalten kann, braucht sie Möglichkeiten, sich zu begegnen, kennenzulernen und gemeinsam zu engagieren – auf Augenhöhe und unabhängig von Herkunft und Geldbeutel. Je konsequenter Politik solche Begegnungen ermöglicht, desto stärker kann eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Gemeinschaft wachsen.
Sören Werlemann ist 18 Jahre alt und wird in diesem Jahr das deutsch-französische Abitur (AbiBac) absolvieren. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich für die politische Beteiligung junger Menschen, so z. B. als deutscher UN-Jugenddelegierter 2025 in New York.
Blog "Die Jugend hat das Wort"
Das DFJW gibt jungen Menschen das Wort zu Themen, die ihnen am Herzen liegen. Entdecken Sie ihre Erfahrungen, ihre Ideen und ihre Gedanken.